20/100 Born to Run

Bruce Springsteen (1975)

Jesus mag den Boss. Seiner Ansicht nach hat Bruce Springsteen mit „Born to Run“ die inoffizielle Nationalhymne der USA geschrieben. Und genau mit diesem Lied stürmt Jesus – unerlaubter Weise zusammen mit einem anderen Kandidaten – die Bühne einer Castingshow und bringt die ganze Plastik-Pop-Welt von „American Idol“, „X-Factor“ und wie sie nicht alle heißen zum Einstürzen.

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Jedenfalls in der Welt von John Niven. Der schottische Autor hat 2008 das Konsensbuch „Kill Your Friends“ auf den Markt gebracht. Konsens für alle, die ein wenig morbiden Humor und detaillierten Gossip einer bestimmten Medienbranche schätzen. Das, was „39,90“ für die Werbeindustrie und „Glamorama“ für die Celebrity- und Modelwelt waren, war John Nivens Roman für die Musikindustrie: Eine ebenso eiskalte wie menschenverachtende Überspitzung einer vermeintlich glamourösen Branche: Mies und oberflächlich und zugleich cool und saulustig. Ein State of the Art-Roman, den fast jeder, den ich kenne, gelesen hat. Kein Wunder also, dass sich der Autor nach seinem eher undramatischen Golfer-Krimi „The Amateurs“ dann mit „The Second Coming“ wieder der Musikindustrie zuwandte. Spielte „Kill Your Friends“ aber im Jahr 1997, auf dem letzten brodelnden Höhepunkt der Branche kurz vor ihrem Downfall dank MP3s und Filesharing-Börsen, so ist „The Second Coming“ in der Gegenwart angesiedelt. Jesus ist ein Indie-Fan und chillt mit Jimi Hendrix im Himmel, als sein Vater von einem jahrhundertelangen Angelausflug zurückkehrt und feststellt, dass alles auf der Erde eine Katastrophe ist. Er schickt seinen Sohn alias JC zurück zu den Menschen, um alles noch einmal zu richten. Sein Slogan: „Be nice!“ JC erkennt die mediale Übermacht der Castingshows und nutzt diese als Plattform, um den Menschen den rechten Weg zu weisen. Und sein Vortrag von „Born to Run“ ist eben ein bedeutender Klimax – doch lest selbst.

Mit dem Buch habe ich vor drei Jahren Bruce Springsteen und sein Frühwerk wieder für mich entdeckt. Das ganze gleichnamige Album spielt ja mit dem Wunsch der unendlichen Freiheit des Individuums – und man muss nicht Nordamerikanistik studiert haben, um zu verstehen, wie tief das in der DNA der USA verwurzelt ist. Um Grenzüberschreitungen soll es heute auch in meinem Text gehen, wie ich gerade feststelle. Aber ganz anders als vielleicht von Bruce intendiert – eben viel deutscher.

Bruce Springsteen, das war in den Achtzigern einer der Lieblingsmusiker meines Vaters – ihm verdanke ich, dass ich neben Queen und Pink Floyd eben auch den Boss früh schätzen gelernt habe. 1988 spielte Bruce Springsteen auf seiner Welttournee einen fünfstündigen Gig in der Waldbühne und einen Teil davon habe ich im Radio verfolgt. Da ich im selben Sommer gerade 53,- DM für Michael Jackson vor dem Reichstag ausgegeben hatte, stand es aber außer Frage, dass ich auch noch den Springsteen-Gig besuchen würde. Doch es waren Sommerferien und das Konzert tagelang Talk of the Town.

Kurz danach schenkte mir mein Vater meinen ersten CD-Player. Ich weiß noch, wie fasziniert ich von der Eleganz der Mechanik war, als die Schublade das erste Mal aufglitt: Ganz anders als meine etwas rumpeligen Technics-Tapedecks oder mein Plattenspieler. Nun ja, und Ihr ahnt es bereits, wessen 3er-CD-Kompilation diesen CD-Player einweihte. Richtig: Bruce Springsteens „Live/ 1975-85“.

Natürlich weiß ich, dass Best of-Compilations eigentlich peinlich sind, aber andererseits bin ich mir da gar nicht mehr so sicher, dass das auch für heute noch gilt. Im iTunes- und Spotify-Zeitalter stellt sich doch sowieso mindestens jeder Zweite nur die besten Tracks eines Artists in einer Playlist zusammen. Und ich gebe zu, dass das bei mir immer öfter auch der Fall ist. Schnell mal das Gesamtwerk von – sagen wir – Roxy Music oder den Stranglers neu entdecken und dabei ganz sicher keinen Hit übersehen? Been there, done that, check!

So habe ich mich also wieder in den Boss neu reingehört. Dabei besitze ich selber kaum gekaufte Tonträger von ihm: Eine meiner ersten Vinyl-Singles war „War“ und irgendwann in den 90ern hab ich mir mal sein MTV Unplugged-Album gekauft – obwohl ich etwas enttäuscht war, dass von meinen Lieblingsliedern nur „Better Days“, „Atlantic City“ und „Human Touch“ drauf waren. Aber drei gute Songs waren 1993 für mich absolut ausreichend, um einen Tonträger-Kauf zu rechtfertigen.

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Als wir 1988 – wie bereits mehrfach angesprochen – aus einem mittleren sozialen Brennpunkt in den gutbürgerlichen Südwesten umzogen, veränderte sich meine Sicht auf Springsteen für einen Moment. In meiner alten Klasse war es total okay, neben Michael Jackson, den Pet Shop Boys und Ärzten auch Springsteen zu hören. In meiner neuen Klasse stieß ich dagegen auf einen regelrechten musikalischen Standesdünkel.

So wie das in der Pubertät ja oft ist, wird plötzlich die Schule und vor allem die eigene Klasse zum zeitlich bestimmenden Mittelpunkt des eigenen Lebens, wenn man nicht ausreichend durch den regelmäßigen Besuch irgendwelcher Sportvereine oder ähnlichem einen anderen Blick auf die Dinge bekommt. Ich WAR in dieser Zeit sogar für einige Jahre Mitglied eines Ruderclubs und hatte auch sonst noch drei, vier andere außerschulische Freunde. Trotzdem kann ich rückblickend sagen, dass der Peer Pressure von vielleicht drei bis fünf „Klassenkameraden“ damals sehr erdrückend war. Ich sah mich plötzlich umgeben von selbsternannten Teenie-Yuppies, für die Depeche Mode, U2, Prince und Springsteen Helden und Michael Jackson und die Pet Shop Boys „Schwuchteln“ waren. Ganz zu schweigen von den Communards, a-ha und Chris de Burgh. (Ja, so vielseitig waren die 80er…). Mich aber plötzlich für ein Lager entscheiden zu sollen, überforderte mich.

Stattdessen drohte ich in der neuen Schule zum Außenseiter zu werden – nicht nur durch meine musikalischen Präferenzen. Plötzlich sollte es etwas Dummes sein, mit einer bequemen Trainingshose im Unterricht zu sitzen; waren auf einmal Marmor-washed Jeans und Kangaroos-Turnschuhe (die mit dem Reißverschluss für Kleingeld in der Lasche) absolute No-Gos. Wit Boy-Jeans? Bäh! Braune seitliche Lederstreifen an den Hosen? An meiner alten Schule absolut angesagt. An meinem neuen Gymnasium? Sechs Minus! Rückblickend würde ich diese Klamotten ja auch gerne aus meinem Gedächtnis streichen (wie viele andere später auch), doch sind sind halt Teil meiner Geschichte. Und plötzlich sollten lächerliche 20-Mark-Sweatshirts von Jean Pascale und schwarze Jeans von mindestens Mustang oder Pash und 90-Mark-Stoffschuhe von Converse („Chucks“) den Zugang zum Inner Circle erleichtern.

Natürlich galt es, das Außenseitertum auf alle Fälle zu vermeiden: Nach fünf Wochen hatte ich meinen ersten Jean Pascale-Pulli und eine schwarze Jeans, bei der ich mich bemühte, das Wit Boy-Etikett schnell abzuknibbeln. Genauso tat ich das etwas später mit meinen 19-Mark-Chuck-Nachbauten der Marke Newport, gekauft bei Hertie. Mehr sah meine Mutter überhaupt nicht ein für Teenie-Mode auszugeben. Ein Kompromiss, na klar, und vielleicht auch wie Nick Hornbys Roman „About a Boy“ beschrieben eine nötige Camouflage, um nicht unnötig aufzufallen und in Ruhe gelassen zu werden.

Während ich also langsam versuchte, es den Zehlendorfer Mitschülern zumindest optisch einigermaßen recht zu machen, schafte ich das mit der Musik nicht so einfach. Um nicht zu sagen: überhaupt nicht. Ich blieb dabei, dass ich „Bad“ ebenso gut wie „Beds are Burning“ fand und ließ mich auf irgendwelche lächerlichen Rede-Duelle ein, warum jetzt Prince viel peinlicher als Michael Jackson oder eben Bruce Springsteen sei.

In die Opposition gedrängt, verabschiedete ich mich innerlich von Bruce, auch wenn mir seine Lieder nichts getan hatten. Aber es war eben die Musik meiner Feinde und gut finden ging halt lange Zeit nicht. Das ging erst ein paar Jahre später wieder – kurz vor dem Abitur. Ich hatte zwischenzeitlich – in dieser Reihenfolge – Soul, Funk, Reggae, Hardrock, Metal und Rap für mich entdeckt und in der jeweiligen Phase wenig anderes mit Überzeugung hören können. Klar gab es in jeder Phase auch von mir akzeptierte Konsens-Chart-Musik und Partylieder, doch irgendwie prägte sich in dieser Zeit mein Wesen als Musik-Nerd, der sich in jedes Genre gründlich reinhören wollte, um zu wissen, von was die Rede war. Statt ein Instrument zu spielen stellte ich mit Überzeugung Mixtapes für mich zusammen. Immer bestrebt danach, keinen wichtigen Song zu vergessen.

Na ja, to make a long story short: Bruce Springsteen und ich sind längst wieder gute Freunde geworden. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen ich ihn im Radio höre, drehe ich seine Lieder lauter und singe so gut es geht mit. Zuletzt auf den Highways von Texas: Und, nein, es wäre zu schön, wenn sich der Kreis hier mit „Born to Run“ schließen würde, aber dann müsste ich lügen. Es waren zunächst „Born in the USA“ und später „The River“ – heute wie damals meine zweit- und drittliebsten Songs vom Boss.

9 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn man sich die Titel der zuletzt von uns ausgewählten Songs anguckt, scheinen wir ja beide gerade ein wenig auf Krawall gebürstet zu sein. Zuletzt „Ohne mich“, jetzt „Born to Run“… Du hast damit also meinen Geschmack auf jeden Fall getroffen. Ich bin mir sogar sicher, dass ich „Born to Run“vor gar nicht allzu langer Zeit mal bei Facebook gepostet hatte, weil ich darin eine gewissse Aufbruchstimmung sehr schön wiedergefunden habe.

    Ob es auch das war, was mir beim ersten Hören an „Born to Run“ so gefallen hat? Ich weiß es nicht mehr genau. Ist zum einen schon ein wenig her – es war 1984. Zum anderen habe ich den Song nicht im Original kennen gelernt. Es waren Frankie Goes To Hollywood, die ihn mir vorgestellt haben. Die hatten 1984 die größenwahnsinnige Idee, ihr Debüt zu einem Doppelalbum aufzublasen. So waren zwischen den Eigenkompositionen auch einige Cover-Versionen auf „Welcome To The Pleasuredome“ zu finden. Eine davon ist „Born To Run“. Zwischen den ganzen eher tanzflächenorientierten Singles kam der Springsteen-Song irgendwie anachronistisch rüber – was mich aber nicht gestört hat. Schließlich war es immer noch ein catchy Popsong.

    Und so profitierte der Boss zunächst einmal von meiner Begeisterung für FGTH. Ich versuchte mit den Maxi-Veröffentlichungen der Band aus Liverpool Schritt zu halten, ich malte ihre kryptischen Liner-Notes („the spunk plus the bomb plus the pump plus the torture instrument times frankie equalling the bang“) im Urlaub in den Sand der holländischen Nordseeküste und auf meine Schulkladde. Ich nahm ihre Videos mit unserem VHS-Videorecorder auf. Und fand „Born to Run“ schlicht gut.

    Als kurz danach „Dancing in the Dark“ veröffentlicht wurde, war ich also durchaus aufgeschlossen. Und Bruce Springsteen machte für mich alles richtig. „…and I ain’t got nothing to say“, „tired and bored with myself“, „Man I ain’t getting nowhere“ – als Vierzehnjähriger, auf dem Fahrrad im Niemandsland zwischen Groß Mimmelage und Quakenbrücker Neustadt wurde das meine Hymne. Ein aufregendes Leben – das gab es nur woanders. Ich? „I’m just livin in a dump like this“.

    Dazu kam, dass Springsteen einen meiner Helden rekrutierte, um die Maxi-Version zu produzieren: Arthur Baker. Rock, Club und ein wunderbar melancholischer Text: Springsteen und ich – das hätte was fürs Leben werden können.

    Aber irgendwie blieben wir dann doch nicht auf einer Wellenlänge. Klar, hat es in der Vergangenheit immer wieder Songs gegeben, mit denen Springsteen mich mitgerissen hat. „I’m On Fire“ etwa. Oder „Streets of Philadelphia“. Oder „Girls in their Summer Clothes“. Aber es gab auch genügend Songs, die ich dann eher abtörnend fand. „Cover Me“ zum Beispiel.

    Ich habe einerseits begriffen, dass Springsteen ein über viele Zweifel erhabener Künstler ist und befasse mich in unregelmäßigen Abständen auch mit Platten wie „Nebraska“ oder „Darkness on the Edge of Town“. Andererseits finde ich „A Night with the Jersey Devil“ ganz grauenhaft, auch wenn es nur als Halloween-Spaß gemeint war.

    Ich fand auch Springsteens Version von „War“ nicht so klasse. Da gefiel mir ein anderer Ansatz viel besser, nämlich der von – Du ahnst es womöglich schon – Frankie Goes To Hollywood. „War“ war eine weitere Coverversion, die FGTH aufgenommen hatten und so richtig auf „High Energy“ gepimpt hatten. Für mich eines der Highlights auf „Welcome to the Pleasuredome“. „Born to Run“ hingegen wird für mich immer ein Highlight in Springsteens Schaffen bleiben. Danke, dass Du ihn – aus welcher Gemütslage auch immer – für unsere Liste ausgewählt hast.

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  3. *Na, zu Springsteen kann ich auch was schreiben. Mich hat nämlich vor allem immer genervt, dass seine Fans ihn so scheiß ernstgenommen haben. Springsteen war der Boss, womit nicht gemeint war, dass er seinen Musikern die Kohle auszahlte, sondern er als eine Art Guru verehrt wurde – und so was hat mich schon immer eher abgeturnt. Deshalb fand ich die Soloambitionen von Steve van Zandt umso erfreulicher. Der hatte mit seinen Disciples of Soul 1982 seinen ersten Auftritt überhaupt beim Rockpalast – gemeinsam mit Kid Creole and the Coconuts und … ich weiß nicht mehr. Damals haben wir die Sachen auf einem 4-Spur-Gerät mitgeschnitten und uns hinterher bis zur Ohnmacht reingezogen. Als Little Steven dann zum Konzert nach Hamburg in die Markthalle kam, gröhlte die brodelnde Menge die Songs mit – obwohl die LP noch gar nicht rausgekommen war. Ein sichtlich gerührter Steve van Zandt fuhr nach dem Gig zum Rockpalast und berichtete darüber im Fernsehen – was wir zu Hause am Bildschirm verfolgten. So wurde Rock´N´Roll für mich fassbar; man konnte quasi live an der Entwicklung der Band teilnehmen, atmete dieselbe schweißgeschwängerte Luft wie sie und wusste, wovon sie nachher im Fernsehen sprachen.

    Die erste Scheibe von Liitle Steven war die beste – auch wenn er später noch gute Sachen gemacht hat (z.B. das Sun City-Projekt). Aber die erste Scheibe hatte etwas raues, ungeschliffenes, was durch die Hornsection noch verstärkt wurde. Deshalb habe ich eigentlich erst nach der Reuinion mit der E-Street-Band wieder zu Springsteen gefunden. Und erst danach habe ich die alten Scheiben vom Boss richtig zu würdigen geschätzt.

    Sehr empfehlenswert ist übrigens die Doku zu Born to Run. Hier erlebt man mit, mit welchem Perfektionismus Springsteen die Platte produziert hat. Das hat nichts mehr mit einem künstlerischen Anspruch zu tun – sondern mit dem unbedingten Willen zum Erfolg. Und wieso auch nicht? Die Scheibe ist doch trotzdem total geil!

  4. Ich hatte Little Steven nie wirklich auf dem Schirm – außer bei dem von Dir bereits erwähnten „Sun City„, wo er mit meinem Helden Arthur Baker die Strippen gezogen hat. Aber gut zu wissen, wo man mit dem Nachholunterreicht ansetzen sollte.

    Bei der Gelegenheit fiel mir noch ein anderer Steve(n) ein – Steve Stevens, der Gitarrist von Billy Idol. Habt Ihr dessen Solo-Sachen mal gehört? Lohnt sich das?

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