19/100: Ohne mich

Purple Schulz (1985)

Sagt Dir der Name Björn Siebenturm was? Er hat in der Zeitschrift „Popscene“ (ich meine jedenfalls, dass sie so hieß; die Redaktion saß auf jeden Fall in Hannover) die Singles des Monats besprochen. Und zwar auf – sagen wir mal – unkonventionelle Weise: Er ging kaum auf die Musik ein und hatte wirklich an jeder Platte etwas auszusetzen. Und wenn er dann doch mal eine Single zum Kauf empfohlen hat, dann nur, damit man damit den Weg zum örtlichen Jugendheim pflastern solle – denn zu etwas anderem sei der Tonträger nicht zu gebrauchen.

Mit 15 fand ich diese Art bei Plattenbesprechungen klasse. Mutig. Lustig. Und ich bin sicher, dass ich in meinen ersten Rezensionen versucht habe, dem Siebenturm-Style nachzueifern. Überhaupt hat mir die Zeitschrift sehr gut gefallen. Sie lag im Frühjahr ’85 auf einmal im Zeitschriftenladen von famila neben der Bravo im Regal. Gekauft habe ich sie beim ersten Mal wegen eines Depeche Mode-Interviews anlässlich von „Shake The Disease“. Weitere Bands in der Ausgabe waren Duran Duran, The Cure, Tears for Fears und Frankie Goes To Hollywood. Ergänzt mit Liebhaber-Themen wie Dream Academy und Prefab Sprout. Besser hätte man meinen Geschmack nicht treffen können.

Die Redaktion muss das geahnt haben, denn in den darauf folgenden Monaten hat sie der Einfachheit halber immer wieder dieselben Bands behandelt. Ich hatte nichts dagegen und stürmte bei jedem famila-Einkauf gleich in den Zeitschriftenladen, um zu sehen, ob es eine neue Ausgabe gab. Diese hatte ich dann meist schon bei der Heimfahrt im Opel Manta A meiner Mutter verschlungen.

Purple Schulz Verliebte JungsIm Sommer 1985 wurde eine Platte besonders hoch gelobt: „Verliebte Jungs“ von Purple Schulz. Wenn es nur eine Platte aus Deutschland gäbe, die man sich in diesem Jahr kaufen könne, müsse das dieses Album sein – so der Tenor. Ich war skeptisch, denn Purple Schulz waren mir bis dahin mit der eher verstörenden Single „Sehnsucht“ im Gedächtnis geblieben. Kaum zu glauben, dass die jetzt Songs machen sollten, die sich mit „Every Breath You Take“ messen können.

Da die Zeitschrift ja bisher ganz gut meinen Geschmack getroffen hatte, gab ich Purple Schulz eine Chance. Und hatte mit einem Kauf gleich zehn neue Lieblingssongs mehr. Rückblickend gibt es natürlich ein paar Einschränkungen – wie den Öko-Protest „Der Wal“. Aber emotional erreichten Purple Schulz mich damals auch mit solchen Dingen. (Letztlich bin ich dann doch Greenpace-Förderer geworden. Vielleicht deswegen?)

Dass ich von den zehn Albumtracks für 100 Songs ausgerechnet das schnelle „Ohne Mich“ ausgewählt habe, ist zugegebenermaßen Geschichtsklitterung. Denn wenn ich ehrlich bin, waren es gerade die Balladen, die mich damals am meisten an die LP gebunden haben. Also: bildlich gesprochen. „Halt mich fest“, „Nur mit Dir“ (kann definitiv mit „Everty Breath You Take“ mithalten) und besonders „Kleine Seen“ fand ich großartig.

Obwohl Zeilen wie „Dich einfach nur halten bis früh um“ an meiner Lebenswirklichkeit komplett vorbeigingen. Schließlich musste ich damals um halb zehn im Bett sein. (Einzige Ausnahme: „Formel Eins“.) Wen hätte ich da also morgens um vier halten sollen? Oder wie wäre es damit: „Und die einsamen Nächte, wo absolut nichts läuft, wo selbst die große Liebe sich hemmungslos besäuft“. Erstaunlich, aber wahr: Zu einer Zeit, in der ich noch nicht mal in die Nähe von Alkohol und großer Liebe gekommen war, kam dennoch eine Botschaft bei mir an. Was Popmusik alles kann…

Darüber hinaus macht es mir auch heute noch Spaß, beim Schluss von „Verliebte Jungs“ die Liebeslieder zu erraten, die Purple Schulz dort zitieren. Dass ich bei all den genannten Favoriten, die ich für diesen Blog hätte aussuchen können, „Ohne mich“ ausgesucht habe, liegt vermutlich an meiner aktuellen Stimmung. Auch das spricht für die LP, dass ich mich dort auch nach 28 Jahren wiederfinden kann: „Ich will hier nicht versauern, bloß weil ich gerade hier bin“.

Da das Einbetten des Videos nicht (mehr) möglich ist: zum Ansehen von „Ohne Mich“ bitte hier klicken

„Tut was ihr nicht lassen könnt, doch macht es bitte ohne mich“ – das hätte auch in einem von Björn Siebenturms regelmäßigen Verrissen stehen können. Es wäre schon interessant, herauszukriegen, was aus dem geworden ist. Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Seit zwei Wochen bin ich Dir die Antwort zu Purple Schulz schuldig. Das liegt an vielen äußeren Umständen, aber nicht etwa daran, dass mir der Song nicht gefällt. Im Gegenteil: Ich bin total geflasht, was wir hier für abwegige Songs posten – seriously.

    Purple Schulz, also echt mal Michael, damit hätte wohl keiner gerechnet. Na klar kenne ich „Verliebte Jungs“ – ich bin ja schließlich auch in den 80ern aufgewachsen. Wobei dieser Song tatsächlich noch ein Ohrwurm aus der Zeit ist, bevor mein musikalisches Interesse erwachte. Ich fand den Song damals eingängig und gut zum Mitsummen und freute mich immer, wenn er mal bei uns im Radio lief. Andere Songs von ihm blieben mir bis heute verborgen. Wobei, das stimmt nicht: „Sehnsucht“ kannte ich auch und hab mich immer etwas erschreckt, wenn er anfängt, am Ende des Refrains so emotional ins Mikro zu brüllen, hihi. Da wusste ich noch nicht, wer Aerosmith sind…

    Ich muss gestehen, dass ich Purple Schulz überhaupt nicht einsortieren kann. Für mich ist der Sound so ein Zwischending zwischen dem von mir überaus geschätzten Rio Reiser und – bitte nicht böse sein – so einem Clowns und Helden-Softpop. Das liegt vielleicht an der Zeit, in der die Musik entstanden ist. So umfangreich wie heute war damals der deutsche Pop nicht in den Charts und Formatradio-Playlisten vertreten.

    Interessant auch, dass ich Purple Schulz auch bis zur Richtigstellung durch Google mit einer Popformation namens Hamburger Arroganz verwechselt habe. Die hatten damals auch so ein, zwei blankpolierte State of the Art-Deutschpop-Hits, die sich in meiner Erinnerung so ähnlich angehört haben. Mea Culpa, die Herren Münz und Schulz – Herr Stübner-Lankuttis wusste es einfach nicht besser. Natürlich höre ich heute schon den Unterschied raus, aber für einen Zwölfjährigen klingt halt der Stil relativ gleich. Das ist so, wie wenn mein Lieblings-Elfjähriger den Unterschied zwischen, sagen wir Marteria und, sagen wir, Bushido nicht raushört, weil es irgendwie beides über Beats gerappt wird. Und dann beide nicht annähernd so gut wie Peter Fox findet…

    Um auf Deine Eingangsfrage noch kurz einzugehen: Nein, ich habe noch nie von Herrn Siebenturm gehört. Ich weiß aber, was Du meinst. Ich selber bin in der Phase meiner ersten literarischen Ambitionen und ernsthaften journalistischen Gehversuche immer einem Jungautoren-Konglomerat verfallen, dass es sich um die Jahrtausendwende in den Feuilletons bequem gemacht hatte. Frag mal meine Weggefährten aus der Zeit, wie sehr ich sie damit genervt habe, dass ich die eine oder andere Zeile Dutzendfach wieder und wieder vorgelesen habe, weil ich sie so genial formuliert fand. Wenn ich mit etwas mehr als einem Jahrzehnt Abstand zurückblicke, fühle ich mich an die Zeit erinnert, in der ich Otto– oder Didi-Witzkassetten oder meinetwegen Frank Zander-Liedersammlungen bis zum Umfallen gehört habe und immer wieder über die selben Pointen lachen musste. Und viel schlimmer noch: Ich habe immer wieder versucht, mein komplettes Umfeld von der Genialität der jeweiligen Kleinkunstform zu überzeugen.

    Nun ja, bevor das hier so öffentliche selbsttherapeutische Formen annimmt, verabschiede ich mich schnell und sage noch mal merci für den Anspieltipp. Purple Schulz also, okay. Die dicksten Freunde werden wir – spätestens nach diesem Text – wohl nicht mehr, aber gut, dass Du mich und alle die das hier lesen, an ihn erinnert hast!

  2. Pingback: Interlude: Purple Schulz | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.