18/100: Sieh hin

Rheinreime (1993)

Habe ich eigentlich schon mal erzählt, warum ich deutschen Rap so gerne mag? Wie ich gerade feststelle, ist es genau 20 Jahre her, dass ich eine eigene Szene für mich entdeckte, die mich bis heute immer wieder fasziniert.

Im Sommer ’93 bin ich 18 Jahre alt und habe gerade meine Musterung hinter mir. Ich gehöre zum zweiten Berliner Jahrgang, der überhaupt eingezogen wird – das ist in der Stadt der Wehrdienstverweigerer ein großes Ding. Doch bis zum Zivildienst ist noch ein Jahr Zeit: Das Abi steht ins Haus.

Rheinreime auf dem Rasen

Dank einer großzügigen Taschengelderhöhung brauche ich nicht mehr für diesen psychotischen Arztsohn aus der Nachbarschaft Babysitter spielen. Der ist acht Jahre alt und weiß immer genau, wo seine alleinerziehende Mutter gerade den Kellerschlüssel versteckt hat. Da unten steht der Schrank mit dem Jagdgewehr ihres verstorbenen Mannes, das mir Michi mehr als einmal stolz präsentiert. Ich darf mich also in Ruhe auf mein Abi vorbereiten, was ganz angenehm zu werden verspricht: Mathe und Physik sind abgewählt und in den Sportkursen darf ich mit Rudern und Schwimmen Punkte sammeln. Außerdem sind die Lehrer auf einmal so entspannt-interessiert an unserer Zukunft.

Musikalisch stecke ich in einer Sackgasse. Die Fantastischen Vier waren vor ein paar Monaten noch cool, doch nach ihrem lustigen Debüt und der „hu-hu“-bösen Single „Frohes Fest“ haben sie ein Konsens-Album namens „Vier gewinnt“ rausgebracht. Dementsprechend durfte ich ihren Berlin-Gig in Begleitung zukünftiger Juristen, Kripo-Beamter und Siemens-Manager besuchen. Außerdem macht einer ihrer Songs nervige Werbung für „Hohes C“.

Den „harten“ Jungs aus unserem Jahrgang braucht man mit diesen „Pop-Rappern aus Stuttgart“ gar nicht erst zu kommen. Wer bei denen mitmachen will, muss zumindest mal böse kucken können und NWA, Da Lench Mob und Cypress Hill hören. Alle von ihnen akzeptierten Bandnamen kann man auf ihren Kapuzenpullovern nachlesen. Dazu tragen sie teure Wildleder-Turnschuhe der heute völlig vergessenen Marke „Travel Fox“ und elastische Springerstiefel von „FILA“, steife „Carharrt“-Kapuzenjacken, die aussehen als wären sie aus Neopren, und natürlich alle möglichen Sport-Merchandise-Artikel aus den USA. Den Sport-Look mag ich bis heute eigentlich ganz gerne, auch wenn er etwas prollig ist. Und 1993 bin ich den Klamotten des Baseballteams „Chicago White Sox“ total verfallen, denn Dr. Dre und Ice Cube tragen immer diese schwarzen Mützen mit der schneeweißen Frakturschrift „SOX“. Ich also auch – bis zu dem Ferientag, an dem mich ein kleiner Junge am Strand der französischen Atlantikküste fragt, warum ich eigentlich immer diese „SEX“-Sachen anhabe. Ausgerechnet in dem Urlaub, den ich auf Drängen meiner Freundin und ihrer Eltern in einem Nudistencamp verbringe. Pun intended!

Ansonsten sind diese Sommerferien echte Hundstage ohne Verpflichtungen, ohne wirkliche Probleme – und ohne echtes musikalisches Profil. Bei MTV spielen sie ständig die selben Videos von Culture Beat, Arrested Development und The Beloved. Das ist auch ungefähr der Sound, auf den wir uns bei Ausflügen in die Brandenburger Vorort-Disco „Parkland“ mit den Einheimischen zum Tanzen einigen können. Zum Glück veranstaltet immer mal wieder jemand aus meinem Jahrgang eine Garten-Party: Da werden dann im Kollektiv Gummipuppen ohne Unterschenkel verschenkt und am Ende kotzt Martina dann wieder als erste ins Blumenbeet. Eben Abi-Zeit.

In der zweiten Ferienhälfte verreisen meine Eltern mit meiner Schwester. Ich darf auf unser Haus aufpassen und den Garten der Nachbarn gießen. Bei meiner Freundin gibt es immer was Warmes zu essen – ansonsten hänge ich den lieben langen Tag vor dem Fernseher und warte auf gute Musik-Videos. Bis die MTV News an irgendeinem Nachmittag eine neue Doppel-CD ankündigen: „Hip Hop Hurra“ heißt der Sampler mit 26 verschiedenen deutschen Rap-Gruppen. Dazu interviewen sie vor der Domplatte freundlich aussehende Typen, die was über die Brandanschläge von Mölln und Solingen erzählen. Dann schimpfen sie über verlogene Lichterketten, die niemanden wirklich interessieren und die Ignoranz der Durchschnittsbürger. Am Ende sagt auch noch der koreanisch-stämmige Rapper Uh-Yong Kim irgendwas total Treffendes zum Thema – und ich bin angefixt.

Auf so etwas habe ich gewartet: Der Style und die Attitüde sind mir sofort sympathisch. Diese Typen vertreten nicht dieses Gangsta-Ding, das in Berlin so populär ist. Und in Neukölln sicher mehr Sinn macht als bei uns in Zehlendorf. Doch anders als die Songs der Fantastischen Vier scheinen diese neuen Bands kaum jemand aus meinem Jahrgang zu interessieren. Ich schreie also innerlich „Hip Hop Hurra“ und kaufe mir von dem Rasenpflege-Geld des Nachbarn den Doppel-Sampler mit 26 Tracks.

Mit diesem Kauf öffnet sich für mich eine Tür in eine neue Welt: In den Liner Notes finde ich einen kleinen Text, der mich neugierig macht: schlechte Mini-schwarz-weiß-Fotos, auf denen Rap-Gruppen aus Hamburg, Frankfurt oder Düsseldorf beschrieben werden. Berliner sind auch dabei, aber die rappen alle nur auf Englisch. Das ist auch okay, doch natürlich werden englische Doppeldeutigkeiten und Wortwitze einfach nicht so easy transportiert, wie auf Deutsch. Für mich ist die muttersprachliche Lyrik ein wichtiger Grund, warum ich bis heute häufiger deutschen Rap als Ami-Sachen höre. Und das, obwohl ich mir einbilde, dass ich dank 20 Semestern am Institut für Nordamerikastudien deutlich besser englisch spreche als die meisten englisch-singenden Musiker hierzulande.

Jedenfalls ist dieser Sampler eine Initialzündung. Auf dem Album sind viele gute Acts vertreten, deren Karrieren ich lange verfolgen werde. Den Track der Rheinreimer habe ich aus mehreren Gründen ausgewählt. Vielleicht ist der Sound von „Sieh hin…“ aus heutiger Sicht etwas dünn, aber damals trifft mich das Intro mit voller Wucht: Ein einsames Nebelhorn tutet, dann hört man ein Feuerknistern, in das sich langsam diese gespenstischen „Ausländer Raus“-Chöre mit einer Sportpalast-artigen Schönhuber-Rede vermischen – bevor der Beat einsetzt und den braunen Dreck akustisch zerfetzt. Soweit ich weiß, ist das der einzige veröffentlichte Track unter diesem Projektnamen – doch dieser Unity-Gedanke repräsentiert für mich bis heute HipHop. Sechs unterschiedliche Rapper, die teils in Kölner Mundart, teils auf Englisch und Italienisch rappen und damit für den Moment der Aufnahme eine Einheit bilden.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, was mir alles entgangen wäre, wenn ich diese CD nicht gekauft hätte. Denn in den Folgejahren werde ich zum Deutschrap-Nerd. Fast alles Geld fließt in Platten und CDs. Auf vielen Covern finde ich Querverweise zu neuen Bands, denn Rapper verinnerlichen ja gerne diesen Community-Gedanken. Und alle wollen von mir entdeckt werden – möglichst lückenlos. Also reise ich als Zuhörer in Gedanken von Kiel über Bremen nach Düsseldorf und Krefeld, weiter nach Heidelberg und München. Dadurch werde ich mir der Geographie meines Landes erst so richtig bewusst – so wie es Frederick Hahn 1993 in der wegweisenden ZDF-Dokumentation „Lost in Music“ formuliert. Jeder TV-Schnippsel, der sich mit HipHop beschäftigt, wird aufgenommen und archiviert, alle Artikel aufgehoben. Meine Freundin, die am Liebsten Wilson Philips und ABBA hört, muss mit mir abstruse Konzertlocations von Marzahn bis Potsdam aufsuchen, damit ich nicht alleine bin, wenn ich irgendwelche unbekannten Underground-Rappern feiere.

Nach einem Jahr – die Prüfungen sind gerade alle durch – wage ich mich vor und biete dem Berliner Szene-Magazin „Mik’x News“ eine Konzertkritik zu einem Auftritt der Ratinger Crew Fresh Familee im Kreuzberger SO36 an. Der Blattmacher freut sich über das Fax mit meinem Schülerzeitungs-ähnlichen Erlebnisbericht und lädt mich ein, ihn zu besuchen. Zusammen mit Peter, der sich zwar im Gegensatz zu mir nicht als Hip Hopper verkleidet, aber durchaus die Tragweite der neuen Lyrik erkannt hat, fahre ich durch die halbe Stadt. Wir warten einen Nachmittag lang vor Miks Haus, weil das mit den Verabredungen im Zeitalter vor Handies und Mails schon mal daneben gehen kann. Doch wir bleiben hartnäckig, denn Mik hatte mir zurückgefaxt, ich könne gerne auch mal eine Plattenrezension schreiben.

Und die schreibe ich dann auch. Bald bekomme ich eine regelmäßige Deutschrap-Kolumne und darf so ziemlich alle mir bekannten Rapper der Republik mit meinen Fragen nerven, weil kein anderer aus der Redaktion Bock auf Deutschrap hat. Doch für mich ist es perfekt, denn nach und nach komme ich in den Luxus der kostenfreien Bemusterung und der Gästelisten-Plätze auf Konzerten – es ist einfach nur phantastisch.

Diese Platte ist eigentlich mitschuldig daran, dass ich bis heute in meinem Traumberuf arbeite. Zwar waren Deutschrap und ich in den letzten zwanzig Jahren nicht immer so enge Freunde. In den Phasen, in denen alte Helden nichts mehr und die Jungspunde überhaupt nichts zu sagen hatten, hat sich mein Musikfokus dafür um andere Genres erweitert. Und phasenweise hat mich Deutschrap sogar total abgestoßen – damit meine ich nicht mal die letzten fünf, sechs Jahre. Und trotzdem gelingt es ihm, mich immer wieder neu zu überraschen. So wie gerade auch wieder – aber darüber schreibe ich ein anderes Mal.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Das hättest Du gern, mein Lieber, dass ich mich aufs Glatteis begebe und mich noch einmal zu Deiner Königsdisziplin äußere. Ich, dessen erster Kontakt mit Rap vermutlich „Ant Rap“ war. Ich, der „Der Kommissar“ von Falco für den ersten Deutschrap halte. Ich, der ich mir die Finger wund gewählt habe, als die Fantastischen Vier 1992 bei einer Fernseh-Talkshow ein paar Homeboy-Sweater verlost haben. Nein, das hat Deine schöne Geschichte aus dem Sommer 1993 nicht verdient.

    Dazu kommt: Mein Pulver zum Thema habe ich eigentlich schon bei Cro verschossen. Dem kann ich nicht mehr viel hinzufügen. Darum werde ich mich einem ganz anderen Aspekt Deiner Geschichte zuwenden. Das wird zwar am Ende nicht weniger blamabel für mich ausgehen. Aber immerhin wiederhole ich mich damit nicht.

    Mich hat in Deinem Posting die Episode besonders angesprochen, wie Du zum Schreiben gekommen bist. Die Umstände – das sich Aufdrängen, das Spontane, das Chaotische – erinnern mich an meine Anläufe, bei einem Musikmagazin unterzukommen. Darum erzähle ich Dir mal, wie es bei mir war.

    Ziemlich zeitgleich mit meinem Studiumsbeginn in Osnabrück erschien die erste Ausgabe des Intro-Magazins. Jemand aus dem benachbarten Melle-Dratum wollte damit eine Musikzeitschrift für das Gebiet Osnabrück, Münster und Bielefeld entwickeln. Einer der Herausgeber war der Besitzer des Fiz Oblon, den ich natürlich von meinen vielen Besuchen in der Disco kannte. Also trank ich mir am 2. Weihnachtstag 1991 ein wenig Mut an und fragte Martin, ob ich nicht für das Intro schreiben könnte. „Klar“, sagte er, „such‘ Dir ein Thema aus und dann schick‘ es an die Redaktion.“

    So einfach? Als ich nach dem Gespräch aus der DJ-Kanzel rauskam und meinen Freunden an der Tanzfläche vom Ergebnis erzählte, waren wir alle baff. Wir waren uns auch gleich einig, welche Band ich interviewen musste. Von allen Bands, die ich zu der Zeit gut fand, habe ich mir ausgerechnet Die Angefahrenen Schulkinder ausgesucht.

    Die waren in Osnabrück schon eine hohe Hausnummer, mit „Tötet Onkel Dittmeyer“ waren sie sogar ein wenig über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Der Besuch ihrer Konzerten war damals  für uns Pflicht. Auch wenn es für das Publikum schon mal unangenehm werden konnte. Heaven, Jo Granada und Charlie Granada machten sich nämlich jedes Mal einen Spaß daraus, Leute auf die Bühne zu holen und sie in ihre Sketche „einzubauen“. Oder die Menschen in der ersten Reihe mit Pils und/oder Wurstwassser zu bespucken.

    Kurz nach Weihnachten rief ich also ohne weitere Absprache mit der Redaktion beim Label der Schulkinder an, behauptete ich sei von Martin fürs Intro geschickt worden und erhielt umgehend einen Termin für das Telefoninterview mit Heaven. In den darauf folgenden Tagen sprach mit mit meinen Freunden die Fragen ab und bereitete die Technik vor. Und hier wurde es dann langsam heikel.

    Zu der Zeit wohnte ich bei meinen Großeltern im Haus unterm Dach. Ich hatte kein eigenes Telefon und musste das Interview darum an dem Wählscheiben-Apparat meiner Großeltern führen. Da das keinen Lautsprecher hatte, entwickelte ich den Plan, mir ein kleines Mikrofon ans Ohr zu halten und darauf dann die Muschel des Hörers zu legen. Dummerweise fiel das Interview in eine Tageszeit, in der meine Großeltern ihren Mittagsschlaf hielten. Sie ermahnten mich also, möglichst nicht zu laut zu sprechen, um die Mittagsruhe nicht zu stören.

    Da stand ich also an einem Donnerstagmittag im Flur der Zwei-Zimmer-Wohnung meiner Großeltern im Flur vor der Kommode, auf der das Telefon stand. Das Mikro war angeschlossen an den Radiorekorder meiner Oma, die in der Küche schlief. Im Wohnzimmer lag mein Opa auf dem Sofa und wollte nicht gestört werden. Gleich beim ersten Klingeln nahm ich hektisch ab, legte mir das Mikro aufs Ohr, drückte den Hörer da drauf und startete die Aufnahme am Rekorder.

    Es kam wie es kommen musste: Angesichts dieser technischen Konstruktion verstand ich kaum etwas von dem, was Heaven sagte. Nachfragen waren also nicht möglich. Da ich so leise sprach, musste ich meine Fragen auch häufig wiederholen, was den Gesprächsverlauf auch nicht verbesserte. Das ganze wurde keine Katastrophe, aber zum Beispiel habe ich einige der mit meinen Freunden ausgearbeiteten Fragen schlicht vergessen. Heaven war und blieb aber freundlich und bat mich am Ende sogar noch, dem Martin schöne Grüße auszurichten.

    Als alles vorbei war, bin ich mit meinem Equipment schnell in mein Zimmer unter dem Dach gesprintet, spulte die Cassette zurück und setzte mich vor die Schreibmaschine meines Opas, um das Interview abzutippen. Allerdings war auf dem Band nur meine Stimme zu hören. Heaven war kaum wahrzunehmen. Mein Trick mit dem Mikro hatte nicht geklappt. In meiner Not hackte ich so schnell es ging meine Erinnerungen an das Gespräch in die Schreibmaschine und brachte den Text mit dem Fahrrad zur Lektorin des Intro.

    Es folgten bange Wochen, da ich nicht wusste, was aus meinem Text werden würde. Würde er den Ansprüchen der – mir weiterhin unbekannten – Redaktion genügen? Würde am Ende vielleicht auffallen, dass der Text aus Erinnerungen zusammengetragen war? Erleichterung setzte erst ein, als ich das neue Heft an einer der Auslagestellen in die Hände bekam. Mein Interview war drin. Weitgehend unverändert. Und kurz darauf kam auch der Anruf, ob ich für die Ausgabe drei nicht wieder was schreiben wollte.

    Rückblickend waren die angefahrenen Schulkinder also der Ausgangspunkt für meine berufliche Entwicklung. Und damit – wie „Hip Hop Hurra“ für Dich – „mitschuldig“ daran, dass ich bei einer Musikzeitung anfangen durfte. Wer hätte das von einer Band gedacht, die Lieder wie „Gekackt“ (hier ein Fan-Video) oder „Sieh Herr meine Hände“ aufgenommen hat. Und von einem Typen, der Falco für einen Deutschrapper hält.

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