17/100: The Power Of Lard

Lard (1989)

„Kannst Du nicht was anderes anmachen?“ Zwischen 1990 und 1993 habe ich diesen Satz sehr häufig in meinem Auto gehört. Die Pause zwischen „Violator“ (1990) und „Songs Of Faith & Devotion“ (1993) war für mich eine Zeit, in der ich meine musikalischen Grenzen auslotete. Und die Geduld meiner Mitfahrer strapazierte. Denn was ich damals bei Fahrten in meinem Mercedes 200D 123 spielte, war nicht immer nach dem Geschmack meiner Begleiter.

In den drei Jahren, die Depeche Mode zwischen den oben genannten Alben verstreichen ließen, passierte musikalisch ja unheimlich viel. Grunge, Techno, Crossover und auch Hiphop waren Genres, die meine Peergroup und ich ja noch gemeinsam verfolgten. Darüber hinaus begeisterte ich mich aber auch verstärkt für Electronic Body Music, Industrial und Metal. Das waren die Tapes, mit denen ich einige Freundschaften auf die Probe stellte. Denn in meinem Umfeld entdeckten die Menschen in der Zeit eher Bob Marley, Jimi Hendrix und die Doors für sich. Für mich alles Oldies, an denen ich kein Interesse hatte. Das musste ja Knatsch geben…

Dabei hatte meine Suche nach neuen musikalischen Herausforderungen ihren Anfang doch in der Indie-Disco, die für meine Freunde und mich gleichermaßen ein „home from home“ war. Denn dort, im Fiz Oblon, hörte ich „The Power Of Lard“ zum ersten Mal.

Gegen 3 Uhr morgens, wenn der Großteil der Gäste „Vagabonds“, „Love Shack“ und „The Only One I Know“ abgefeiert hatte und auf dem Heimweg war, legten die DJs Coop und Andi gern mal deftigere Sachen auf. „The Power Of Lard“ war eines dieser Stücke.

http://www.youtube.com/watch?v=Ry0TyIJXgoU

Viele der jungen Männer, die an jenem Abend um die Uhrzeit noch da waren, schienen den Song bereits zu kennen. Wissend was da ab Minute 1:48 auf sie zukam, liefen sie langsam auf der Tanzfläche warm, um nach dem ersten Break komplett durchzudrehen. Ich war allein vom Zuhören und Zusehen aus der Puste. Und immer wenn ich dachte, das Lied sei zu Ende, kam noch eine Strophe. Und noch eine. Und noch eine. Auf meine aufgeregte Nachfrage hin erfuhr ich anschließend vom DJ, dass die Band Lard hieß und dass da der Sänger der Dead Kennedys mit dabei war.

Als ich die dazugehörige EP wenig später kaufte, stieß ich auf zwei Musiker, die mich die darauf folgenden Jahre intensiv begleiten sollten. Und meinen Freunden die Mitfahrten schwer machten: Al Jourgensen und Paul Barker fanden mit Lard erstmals den Weg in mein Plattenregal.

Auf Empfehlung eines Bundeswehr-Kollegen kamen in den folgenden Jahren zahlreiche Tonträger der beiden hinzu: etwa von Ministry und den Revolting Cocks. Von da an grub ich immer tiefer in die Industrial-Szene ein. Allein Jourgensen und Barker betrieben genügend Projekte, um meine CD-Kiste bis an den Deckel zu füllen: Zwischen 1990 und 1993 veröffentlichten sie mehrere Platten mit Ministry, Revolting Cocks, Lard und auch 1000 Homo DJs. Sie remixten außerdem den Konsens-Hit „Give It Away“ von den Red Hot Chilli Peppers.

So richtig in mein Herz schloss ich Jourgensen und Barker, als sie auf dem Lard-Album “The Last Temptation Of Reid” auch noch einen meiner absoluten Lieblings-Hits coverten: “They’re Coming to Take Me Away, Ha-Haaa!” von Napoleon XIV.

Von Ministry war es nicht mehr weit bis Nine Inch Nails und Frontline Assembly. Bis Klute und Fear Factory. Auf der Popkomm 1993 wurde ich Labelvertrern sogar als „unser Experte für Industrial“ vorgestellt. Dafür gab es dann auch mal Promos unbekannter und bekannter Bands. Wenn die dann im Auto liefen, reagierte mein Umfeld verständnislos und genervt.

Leider konnten meine Freunde an meiner musikalischen „Resozialisierung“ nicht groß teilhaben. Und das, obwohl Depeche Mode es 1993 schafften, mit „Songs of Faith & Devotion“ alle meine damaligen musikalischen Interessen zu bündeln und auf einen Mainstream-Nenner zu bringen. Da standen der Rock von „I Feel You“, die Industrial-Anleihen in „Rush“ und die HipHop-nahen Beats von „Mercy In You“ gleichberechtigt nebeneinander. Dazu noch der Weltschmerz von „Condemnation“ und die Zerbrechlichkeit von „One Caress“ – eine nahezu perfekte Mischung. Ich weiß nicht, was meine Peer-Group auf dem Album für Einflüsse rausgehört hat – aber wir waren gleichermaßen begeistert.

Es wäre mir also ein Vergnügen gewesen, die Platte mit meinen Freunden im Auto zu hören. Allerdings musste der Mercedes kurz vor der Veröffentlichung entsorgt werden. Ich hatte ihn einem Freund geliehen, der in einen Unfall verwickelt wurde. Ihm ist zum Glück nichts passiert, der Wagen aber war schrott.

Kleiner Trost: Immerhin konnte ich vor dem Abtransport noch meine Cassetten aus dem Auto retten.

10 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Interlude: Congo Natty | 100 Songs

  2. Ja, dann muss ich wohl. Ich habe es echt versucht, aber ich habe keinen Weg gefunden, Lard für mich zu entdecken. Es ist vielleicht dieses Genre, das mich einfach abschreckt, obwohl ich nicht sagen könnte, warum. Industrial. Ich weiß schon – bin ja schließlich Berliner und habe außerdem gerade Wolfgang Müllers Buch über die gute alte Mauerzeit verschlungen. Inklusive zahlreicher Anekdoten aus dem Umfeld der Einstürzenden Neubauten. Aber mich kickt dieser Sound einfach nicht.

    Es sind gar nicht so sehr die Härte und das Tempo. In dieser Frage fühle ich mich bei Lard interessanterweise sehr an Crossover/Hardcore der 90er erinnert. Natürlich eher an Rage against the Machine als an Dog Eat Dog. Nee, also ich finde es ärgerlich, den Hörern so eine sieben Minuten lange Orgie zuzumuten (Hello, Mr. Timberlake!), wenn doch ein guter Popsong in vier Minuten alles sagen kann. Und ein guter Punkrock-Song sogar in der Hälfte…

    Das klingt wie ein arrogantes Axiom – ist aber natürlich komplett subjektiv gerade jetzt von mir so empfunden. Und so gerne ich aus den Reihen Deiner bisherigen Lard-Testhörer ausscheren würde – schon aus Prinzip – so wenig kann ich das. Interessant, dass Du in diesem Zusammenhang aus den Millionen Bands ausgerechnet die Nine Inch Nails genannt hast: Bei denen ging es mir auch immer so. Ich weiß, dass die cool sind. Ich weiß, dass Menschen, die ich sehr schätze, die gut finden. Ich wollte sie sogar mal gut finden… aber es hat einfach nicht gepasst.

    Natürlich ist es lächerlich, mich dafür entschuldigen zu wollen. Aber ein kleiner Trost oder vielmehr solidarischer Schulterschluss unter Musik-Nerds: Solche Bekehrungsversuche sind mir überhaupt nicht fremd. Im Gegenteil: Hör Dich mal in meinem Freundeskreis um und jeder wird Dir erzählen, wie ich versucht habe, ihm/ ihr irgendeinen Deutsch-Rap-Act aufs Auge zu drücken, von dem ich überzeugt war, dass man dessen Platte kennen musste. Also nix mit zögerlich andere Menschen an Perlen der Pop-Kunst heranführen. Ich werde bei sowas zum Musiknazi, so dass ich im Auto dann auch wenig anderes zulasse als Dinge, die ich mir vorher als präzisen Soundtrack dieser Fahrt ausgedacht habe. Im Auto mit Dani und Ralph auf der A1 von Bremen nach Hamburg und es läuft Sarah Connor? Schrei! Irgendjemand im Büro summt leise Tim Bendzkos „Weltretten“-Blödsinn – aufkeimende Hass-Gefühle. Jemand anders behauptet, Max Herre schreibe so tolle Texte? Freundschaft beendet. Nicht wirklich, aber immerhin mal als mögliches Gedankenspiel ein paar Mal hin- und hergewendet.

    Es ist halt ein Kreuz mit diesem guten Musikgeschmack. Aber irgendwie leben wir doch auch dafür, oder?

  3. Pingback: Interlude: Ray Manzarek | 100 Songs

  4. Pingback: Interlude: Nine Inch Nails | 100 Songs

  5. Pingback: 25/100: No, Surrender | 100 Songs

  6. Pingback: 45/100: Stigmata (live) | 100 Songs

  7. Pingback: Interlude: Zyon | 100 Songs

  8. Pingback: 89/100: Train To Doomsville | 100 Songs

  9. Pingback: 95/100: Vapour Trail | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.