15/100: Everlong

Foo Fighters (1997)

Gibt es eigentlich jemanden, der David Grohl nicht leiden kann? Ich meine, außer Courtney Love? Kann ich mir fast nicht vorstellen.

Sogar die paar Stoner-Rock-Bekannte, die ich mal hatte, konnten sich auf den Herren einigen. Wenig überraschend: Ich kenne glaube ich niemanden, der sich so authentisch sympathisch inszeniert wie Grohl. Das Spin-Magazine zum Beispiel hat eine Liste veröffentlicht, warum Dave Grohl „The Nicest Dude in Rock“ ist.

Meine Gründe sind da ein wenig simpler: Mittelmäßige Songs reißen er und seine Band mit herrlich selbst-ironischen Videos raus. Wenn ich denke, die Band könnte mir zu middle-of-the-road zu werden, lese ich Nachrichten über kreative Protestideen. Und als Wiedergutmachung für „White Limousine“ gab es umgehend einen „Rope“-Remix von Deadmau5 (und eben nicht von Skillrex). Ach so, ja, nicht zu vergessen: Meine Stoner-Rock-Bekannten fanden das Grohl-Projekt Probot klasse, das ich gefühlte 100 Mal bei intro.de in den Nachrichten angekündigt habe.

Dave Grohl macht also Vieles richtig. Und so richtig richtig gemacht hat er „Everlong“. Der Song kam zu einer Zeit, als ich den Foo Fighters eigentlich gar nicht mehr zugetraut hatte, mich zu erreichen. Die ersten Singles fand ich handwerklich okay und auch nicht richtig schlimm. Mein Wohlwollen, das mich dazu brachte, der Band weiterhin meine Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, resultierte vermutlich aus dem Nirvana-Bonus und Grohls Sympathiewerten (siehe oben). Und dann kam „Everlong“.


Foo fighters – Everlong von radatdailymotion

Wer schon ein paar meiner Postings gelesen hat, kann erahnen was mir an dem Song gefällt: Emotion? Check. Hook? Check. Dynamik? Check. Was mich aber vor allem mit dem Song verbindet, sind die zwei Fragen, die Grohl im Refrain formuliert: „And I wonder If everything could ever feel this real forever? If anything could ever be this good again?“ Du kennst das hoffentlich auch: Momente, die so schön sind, dass sie möglichst nie vorbei gehen sollen. Momente, an denen man denkt: So kann’s bleiben. Wo man wie in einem Computerspiel am liebsten den aktuellen Stand speichern würde. Egal, wie man in den darauf folgenden Levels abschneidet – man kommt immer wieder an diesen letzten Speicherstand zurück, an dem noch alles in Ordnung war. Apfel-S.

Aber wir wissen, dass das nicht geht. Dass man viel weiter zurückfallen kann, als nur auf „Los“. Eine Zelle im Gehirn einer Bekannten hat einen schlechten Tag – Ehemann und Sohn stehen ohne Frau und Mutter da. Nur ein Beispiel für die Dinge, die sich in meiner Umgebung in den vergangenen Monaten ereignet haben.

Natürlich sind dies Anlässe, an denen ich über das Leben ins Grübeln komme. Es kommen dann Phasen, in denen ich darüber nachdenke, was ich im Leben eigentlich erreichen will. Bin ich auf dem richtigen Weg – und was ist überhaupt mein Ziel? Momente, in denen ich zum Beispiel denke: „Wenn Du diesen Musik-Blog jetzt nicht machst, wird es nie wieder was.“ – „Wenn Du Dich nicht wenigstens ein bißchen aufdrängst, wird Dich niemand fragen, ob Du nicht mal auflegen willst.“ Und dann mache ich das mal. Eine Zeit lang.

Und doch kommt irgendwann wieder der Alltag und ich führe diese Gedanken nicht zu Ende. Sehe eher zu, dass der Kühlschrank gefüllt ist und das Hemd für morgen gebügelt. „Everlong“ ist mit seinen Fragen Mahnung und Motivation zugleich, schöne Momente auszukosten. Sie nicht als gegeben hinzunehmen. Die Vergänglichkeit nicht zu vergessen. Und trotzdem glücklich zu sein.

Ein wenig gebe ich mich der Illusion hin, dass Dave Grohl all das auch schon mal gedacht hat. Und dass er versucht, danach zu leben. Und vielleicht finde ich ihn auch deshalb so sympathisch.

Für alle die, die ihr Leben ohne die verbringen, die sie lieben.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Puh. Ich will ganz ehrlich sein. Um die Foo Fighters-Antwort habe ich mich mehr oder weniger unbewusst gedrückt. Die Band… spricht nicht wirklich zu mir. Und eigentlich kann ich mir das überhaupt nicht erklären. Die Ausgangslage könnte nicht besser sein: Dave Grohl ist wirklich ein sehr sympathischer Typ. Nirvana zählen zu meinen Säulenheiligen – aber wenn ich ehrlich bin, denke ich dabei eigentlich auch nur an Kurt. Das ist ja schon ziemlich faszinierend, dass man bei den Foo Fighters wiederum nur an Dave denkt und damit die musikalische Leistungen der anderen immer wieder schmälert. Aber so ist das Game eben…

    Das Foo Fighters-Video zu „Big Me“ hab ich 1996 ewig oft auf MTV angesehen – auch weil ich diese Mentos-Parodie sehr witzig fand. „Monkey Wrench“ spiele ich manchmal bei Parties, wenn die Zeit für Gitarren gekommen ist (meist eher so NACH 2:30 Uhr). Die erzeugen wirklich handwerklich sehr gut gemachte Songs, die man sich gut anhören kann… aber ich nicht muss.

    Um so erstaunlicher finde ich es, dass Du mit „Everlong“ noch so ganz andere Emotionen mit verbindest. Ich will jetzt nicht despektierlich klingen, da die Geschichte, die Du kaum versteckt zwischen Zeilen schilderst, wirklich sehr traurig klingt. Also bitte nicht falsch verstehen, wenn ich jetzt frage: Warum um Himmelswillen hört man bei diesem Song auf die Lyrics? Abgesehen von der speziellen Mischung, in der Sänger und Band gleichberechtigt arrangiert werden, habe ich bei diesem Sound wirklich überhaupt kein Bedürfnis, mir auch nur eine Zeile zu merken. Das flowt einfach und gut.

    Das ging mir schon bei Metallicas schnellen Nummern immer so: Energie, Wut, tief durchatmen und Gas geben. Aber Platz für Trauer habe ich da nie rausgehört. Außer, wenn es um „Nothing Else Matters“ ging. Vielleicht bin ich da ja assoziativ fehlgeleitet. Natürlich gibt es kein Pop-Lexikon, in dem drin steht: „Zu diesem Song bitte ausrasten.“ Oder: „Jetzt unbedingt weinen.“ Aber irgendwie bin ich nicht frei von diesen Vorgaben. Klar weiß ich um die Wirkung von richtig eingesetzten Moll- und Dur-Akkorden. Und ich weiß auch, dass Musik bei Menschen sehr unterschiedlich wirken kann. Ich bekomme – wie kürzlich geschildert – bei Roxette einen Kloß im Hals – andere wenden sich angeekelt ab.

    Ich finde es also sehr faszinierend, was Du mit „Everlong“ verbindest, kann es aber beim besten Willen nicht nachvollziehen. Wenn ich diese verkitschte Horror-B-Movie-Parodie sehe, werde ich eher fröhlich als melancholisch. Wobei ich mich
    gerade frage, bei welchem Song ich mir selbst solch grundlegende Gedanken zu meiner Lebenssituation mache beziehungsweise in der Vergangenheit gemacht habe. Ehrlich gesagt: Das wechselt. Immer und immer wieder. Das war mal bei Bob Marley, aber auch bei New Order, Eminem, den Pet Shop Boys oder Robyn so. Ich könnte jetzt meine iTunes-Bibliothek durchklicken oder mich umdrehen und meine CD-Wand betrachten. Dabei würde ich ständig was Neues zu diesem Thema finden. Aber ich will jetzt auch nicht langweilen.

    Das Video ist so lustig, dass selbst mein elfjähriger Nachbar darüber geschmunzelt hat. Und Leo ist äußerst kritisch kann ich nur sagen! Seine erste Assoziation: ”Junge” von den Ärzten. Wow, da muss man auch mal drauf kommen. Auf jeden Fall kann man sich an die schöne Zeit zurückerinnern, in der MTV Musik noch gespielt hat und die Video-Budgets in der Größenordnung deutlich über 15.000,- Euro lagen…

    Tja Michael, es tut mir leid, aber in dieser Woche fällt mir nicht wirklich was Konstruktiveres ein. Außer vielleicht noch, dass ich die Aufregung um Skrillex nur halb nachvollziehen kann. Denn so wie ich Deinen Diss interpretiere, geht der in diese David Guetta-Aversions-Schiene. Das kenne ich gerade bei der Diskussion um dieses eine Video des phantastischen Debütalbums von A$AP Rocky. Und was soll ich sagen: Der Skrillex hat da seine Sache gut gemacht. Aber das wolltest Du jetzt eigentlich nicht wissen, oder?

  2. Everlong: in der Acoustic-Fassung: wundervoll, intensiv. 

    Das Video dazu: Videos lenken zu oft vom Song ab. Die interessieren meistens gar nicht.

    Foo Fighters: Die schnellen Rocksachen sind gute Musik zum „in die Sonne Fahren“, Songs für allerbeste Laune, machen Spaß beim Auflegen, wenn (ich und) die Leute rocken wollen. Ganz vorne: All my life. Und – Michael – White Limo ist auch ein Kracher 🙂 

    Was mich ganz doll mitnimmt, ist der Acoustic-Teil von „In your Honor“. Ich flieg weg bei „Still“, bei „Razor“, und bei „Friend of a friend“ bin ich fest davon überzeugt, dass Dave Grohl das Ding für Kurt gemacht hat. 

    Und „Skin and Bones“. Auch ganz vorne!

    Sind alle übrigens extrem einfach auf der Gitarre nachzuspielen. (Bis auf Razor, da breche ich mir die Finger.) Wahrscheinlich sind sie so einfach, weil Dave eben doch ein Schlagzeuger ist und Gitarre dann so dazu kam. Dafür kann er umso besser singen. Egal ob laut oder leise. 

    Wenn man einen Song mit bestimmten Erlebnissen verbindet, ist das vielleicht das Schönste, was einem Song passieren kann. Auch wenn das Erlebnis traurig ist.

    Ich habe so was mit Junimond. Das jährt sich dann jetzt auch zum 5. Mal.

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