14/100: Listen To Your Heart

Roxette (1989)

Lass uns heute mal über Schweden reden. Und zwar so richtig über diese Superklischees: leckere Fleischbällchen, herzerwärmende Kinderbücher, stabile Autos, preiswerte Möbel-Imitate, billige Trendklamotten, kaum bezahlbare Designerjeans, sadistische Kriminalromane und seit ABBA natürlich haufenweise stilprägende Popmusik. Lass uns dabei im Kopf behalten, dass all das in einem Land mit weniger als zehn Millionen Einwohnern sein Zuhause hat. Und nimm es gleichzeitig als Entschuldigung für mein bewusst cheezy gewähltes Foto zu diesem Text. Ich weiß schon – „Best of-Kompilationen“ gehen eigentlich gar nicht in einem Pop-Blog.

Roxette

Die Namensforscher unter unseren Stammlesern mögen es längst erraten haben: Ich bin durch meine fünfzigprozentige nordische Herkunft (nein, Finnland gehört bekanntlich NICHT zu Skandinavien, obwohl man da oben im Norden relativ locker mit diesem häufig gemachten Fauxpas umgeht) – ich bin also relativ oft in Schweden gewesen, auch wenn mein letzter Besuch schon ein paar Tage zurück liegt. Mit jedem Jahr, dass ich älter werde, genieße ich die skandinavische Lebensart bewusster – diese Lockerheit, dieses demokratische Verständnis der freien Entfaltung à la „Chacun à son goût“ und zugleich dieses Stilbewusstsein in fast allen Lebenslagen: Gesunde Ernährung, funktionales Design in allen Lebensbereichen und einfach ein zielsicheres Händchen für Geschmack. Ja, über das Preisniveau für Alkohol muss man sich nicht streiten. Und wie der geneigte Krimileser weiß, verbergen sich zwischen dem rot-weißen Holzhaus-Idyll von Astrid Lindgrens Romanen immer mal wieder haufenweise Kinderschänder, fröhliche Faschistenrunden und eine schlecht umgesetzte Migrationspolitik.

Doch gleichzeitig ist eben auch vieles wahr. Wer einen guten Sommer erwischt, kann in Schweden die besten Ferien ever verbringen. Man trifft etwas unterkühlte, aber grundinteressierte Menschen und ist immer wieder überrascht, wie heimelig die schwedische Sprache klingen kann. So schön, dass ich meinen Hund seit Neuestem nur noch mit lustiger pseudoschwedischer Betonung und ausgedachten Schwedenwörtern rufe. Ist vielleicht aber nur eine Phase, mal sehen.

Es gibt in mir so ein wohliges Urgefühl, das mit meinen vielen Schwedenreisen in der Kindheit zusammenhängt und mir immer wieder bestätigt, wie gerne ich dort war. Es gibt diese 70er Jahre-Verfilmungen von „Karlsson vom Dach“, eine der wenigen Lindgren-Geschichten, die in der damaligen Gegenwart spielten. Immer wenn ich an Karlsson und Lillebror mit ihren typischen ABBA-Frisuren und Kord-Schlaghosen denke, wie sie Medizin aus Bonbons kochen, überfällt mich ein warmer Schauer. Immer wenn ich mich daran erinnere, wie die Viking Line-Autofähre den Hafen von Stockholm in Richtung Finnland verlässt und in der hochsommerlichen Abenddämmerung stundenlang an kleinen Schäreninseln vorbeischippert, werde ich wehmütig. Und immer wenn ich an die in den Felsen gehauenen Autobahn kurz vor der schwedischen Hauptstadt denke, möchte ich fast heulen – ohne Übertreibung! Es gibt dieses Video von Richard Marx, das teilweise mit Eindrücken seiner Welttournee bebildert wurde. Es ist nur ein ganz kleiner Moment, aber sobald bei 3:20 Minuten das Autobahnschild „Stockholm“ auftaucht, bin ich immer total gerührt.


Roxette – Listen to Your Heart (1989) von goldrausch

Genau das bitte ich im Hinterkopf zu haben, wenn wir jetzt über „Listen to your Heart“ sprechen. Dieses Video ist einfach zum Heulen: Erst fährt der Bus über eine lange Brücke auf das mittelalterliche Inselschloss Borgholm zu, dann wird die Bühne im Zeitraffer aufgebaut und schließlich schwebt Marie Fredriksson barfuß (!) im schwarzen Sommerkleid auf die Bühne und schleudert dem Zuhörer diese ultratraurige Zeile „I know there’s something in the wake of your smile“ entgegen. Ich war zu der Zeit heimlich und etwas unglücklich in Julia aus meiner Klasse verliebt – der Song rührte etwas tief in meinem Inneren.

Marie Fredrikkson fand ich dagegen nicht besonders hübsch – ihre Haare waren mir eine Spur zu blond und zu kurz und ihr Gesicht viel zu kantig. Aber mit dieser ersten Szene aus dem Video kann sie mich bis heute immer wieder aufs Neue verzaubern. Die Single kam 1989 heraus und das Video lief auch schon einige Male im Fernsehen, bevor ich es irgendwann im Radio erwischte und auf Kassette bannte. Meine Urlaubsreisen sahen zu der Zeit sehr oft gleich aus: Ich packte meinen roten Kinderkoffer voll Kassetten und freute mich über die Stange Walkman-Batterien, die mir mein Vater vor Urlaubsantritt immer schenkte. Mit 14 hörte ich immer seltener „Die drei ???“ und „TKKG“ und dafür häufiger Popsongs, die meine Eltern nervten – obwohl mein Vater mit seiner Zuneigung für Queen und Bruce Springsteen ziemlich geschmackssicher war. Aber Die Ärzte und die Pet Shop Boys entsprachen dann doch nicht seiner Vorstellung von Begleitmusik für stundenlange Autofahrten in den Jahresurlaub.

Also fuhren wir im Sommer 1989 das letzte Mal über die Transitstrecke von Berlin aus durch die DDR, um wie fast jedes Mal in Rostock die angepeilte Tagesfähre nach Trelleborg knapp zu verpassen. Und ich hörte immer wieder meine TDK-Kassette mit den aktuellen Hits, die ich gerade noch im Radio mitbekommen hatte. Nach acht Stunden Wartezeit erwischten wir dann wie fast immer die Abendfähre und kamen sehr früh morgens in Südschweden an.

Von Trelleborg aus ging es 700 Kilometer nach Stockholm, um dort meinen Onkel Tumpi zu besuchen. In diesem Sommer war er aber bereits nach Finnland zu meinen Großeltern vorgefahren und wir verbrachten einen Tag ohne ihn in Stockholm – die nächste Fähre nach Finnland ging erst abends. Meine Eltern fuhren mit meiner kleinen Schwester und mir nach Gröna Lund – einem romantisch am Wasser gelegenen Freizeitpark, wo an jedem Stand irgendwas aus den ersten beiden Alben von Roxette gespielt wurde: Vor allem natürlich „Dressed for Success“ und „The Look“. Beide Songs hatte ich leider nicht auf Kassette, aber es wurde definitiv ein Roxette-Sommer. Denn als wir einen Tag später in Turku von der Fähre herunterfuhren, hatte ich „Listen to Your Heart“ bestimmt schon 25 Mal gehört.

Nach diesem Sommer habe ich die Karriere von Roxette nur noch sporadisch verfolgt: Der „Pretty Woman“-Hit war okay, aber für mich nicht so gefühlsüberfrachtet wie „Listen to your Heart“. Und auch mit den schnelleren Nummern konnte ich nicht allzu viel anfangen. Ich kam auch in das Alter, wo man sich über ausgeprägten Musikgeschmack definierte – und da gehörten BRAVO-Bands immer seltener dazu.

Erst nachdem ich 2003 beim Fernsehen angefangen hatte, kreuzten sich die Wege von Roxette und mir wieder. Mein erster Auftrag zu dem Thema war es, 2004 einen Beitrag zu Marie Fredrikssons Comeback-Album „The Change“ zu schneiden. Es war weniger ihre Musik als ihre erschütternde Geschichte, wie sie Ihren Hirntumor erfolgreich besiegt hatte, die mich dabei fesselte. Ein Interview kam aber verständlicherweise nicht zustande, da sie noch nicht 100prozentig wieder fit für den Promostress war. Dafür durfte ich aus dem schwedischen Dokumentarfilm ihres Lebensgefährten über den Verlauf ihrer Krankheit Ausschnitte verwenden. Sehr beeindruckend! Zudem schickte mir die Plattenfirma freundlicherweise die oben zu sehende „Best of“-CD zu und so kam ich wieder in Kontakt mit ihrer Musik.

Ein Jahr später veröffentlichte Per Gessle sein Seventies-Retro-Soloalbum Son of a Plumber und gewährte dafür eine Audienz in Köln. Das war das erste Mal, dass ich ausschließlich für ein halbstündiges Interview irgendwo hin geflogen war. In dem mittelalterlichen Hotelturm warteten auch schon haufenweise Kollegen vom Playboy und der Bild, die sich das Album kaum angehört hatten und sich vor allem für Roxette-Gossip interessierten. Ich wiederum war ziemlich aufgeregt, weil ich ja Per Gessles Kompositionen eine meiner schönsten Jugenderinnerungen verdanke. Und außerdem gefällt mir dieses Soloalbum bis heute ausgesprochen gut – die leichte musikalische Sommerfrische beherrscht er perfekt. Als ich meine wartenden Kollegen also in begeisternden Warte-Smalltalk verwickeln wollte, winkten die nur gelangweilt ab. Das Interview war für sie halt business as usual. Doch ich freute sehr, Per Gessle kurz zu treffen – und hatte große Befürchtungen, dass er nach so viel Interviews (TV-Teams kommen fast immer ganz zum Schluss dran) überhaupt keine Lust mehr auf irgendwelche deutschen Reporterfragen hatte. Schließlich hat der Mann 70 Millionen Platten verkauft!

Doch von Starallüren überhaupt keine Spur. Er plauderte munter los, beantwortete artig alle Fragen zu Roxette und Maries Krankheit, versuchte nicht, das Gespräch immer wieder krampfhaft auf sein aktuelles Album zu lenken und verriet mir am Ende sogar noch, dass er den Refrain von „The Look“ so nebenbei komponiert hatte, als der UPS-Mann gerade sein neues Keyboard angeliefert hatte. Ein Hit als Fingerübung? Phantastisch!

Und als er nach unserer deutlich überzogenen Gesprächszeit auch noch willig lustige Antextbilder mit sich drehen ließ (der Kameramann spielte mit ihm in der kreisförmigen Lobby Fangen), war ich mir endgültig sicher: Wenn mich irgendwann mal jemand fragt – ich mag Roxette!

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Sommer… Schwer vorstellbar, dass uns das dieses Jahr auch wieder bevorstehen soll. Umso schöner, von Deinen Reisen zu lesen.

    Ich besitze genau zwei Roxette-Tonträger. Der eine ist die Compilation „The Ballads“. Die zweite ist die Vinyl-Maxi von „Listen To Your Heart“. Du hättest also mit Deiner Song-Auswahl nicht besser liegen können. Wobei beides verhältnismäßig neue Anschaffungen sind. „Listen To Your Heart“ etwa war meine Ausbeute in dem Plattenladen, in dem ich Kraftklub ausgiebig hören durfte. Ich habe somit über zwanzig Jahre gebraucht, um Roxette zumindest in Teilen für voll zu nehmen

    Das hat sicher viel mit meinem ersten Eindruck zu tun. Ich behaupte jetzt einfach: Ich habe Roxettes ersten TV-Auftritt im deutschen Fernsehen gesehen. Bei Formel Eins performten sie 1989 zum Playback von „The Look“. Ich weiß gar nicht warum, aber die beiden taten mir wirklich leid. Ich fand den Song so banal, ich bedauerte sie dafür, den darstellen zu müssen. Ich ahnte damals ja noch nicht, dass sie ihre Songs wirklich selber schrieben und noch ein paar weitere Zumutungen folgen sollten. Dass „The Look“ eine Fingerübung für Per Gessle war, glaube ich sofort. Auf mich wirkt er total oberflächlich und wie aus dem Baukasten für Ohrwürmer. Angeblich sind die ersten beiden Textzeilen sogar noch die, die er beim Entwickeln des Songs aufgeschrieben hat. Ihm sei hinterher nichts Besseres eingefallen… Und dennoch beneide ich Gessle um sein Talent.

    Ein paar Jahre später wurde ich Zeuge, wie Roxette 1992 auf dem 4. Schöppingen Open Air das Publikum in Aufruhr versetzte. Aber nicht, weil sie dort auf der Bühne standen. Nein. Irgendein Witzbold fand es lustig, während einer Umbaupause „Joyride“ über die PA laufen zu lassen. Der Tumult unter den Pogues- und Beastie Boys-Fans war groß. Und kam mir zupass: Ich fühlte mich mit meiner kritischen Haltung gegenüber der Band in dem Mob ganz wohl. Das interessante ist: An viel mehr kann ich mich von dem Festival nicht erinnern.

    Aber wenn ich damals geglaubt haben sollte, beim Thema Roxette auf großen Konsens gestoßen zu sein, hatte ich mich getäuscht. Einer meiner besten Freunde – gleichzeitig auch über Jahre der Gitarrist, Sänger und kreative Kopf meiner Band – fand Roxette und deren Album „Look Sharp!“ wirklich gut. Wirklich. Ich vermute sogar, er würde dies heute noch so sagen. Und so zieht sich die Diskussion über die Sinnhaftigkeit und Bedeutung von Roxette über mehrere Jahrzehnte durch mein Leben.

    Inzwischen habe ich sie für mich in dieselbe Kategorie wie Phil Collins eingeordnet: Im Großen und Ganzen halte ich den Output der Band für Radiofutter, das mich nach dem Aus-Knopf suchen lässt. Songs wie „The Look“, „Joyride“ oder „Sleeping In My Car“ lassen mich in ihrer naiven Positivität und Gutlaunigkeit jedes Mal aufs Neue erschaudern. Es gibt aber zwischendurch doch auch immer wieder Songs, bei denen ich neidlos anerkennen muss: Das ist großartig. Und „Listen To Your Heart“ – oder von mir aus auch „Against All Odds“, um den Kollegen Collins noch mal mit ins Boot zu holen – sind großartig. Ganz unabhängig davon, was die Herrschaften sonst so in die Welt setzen.

    Die bewegende Erfahrung, Sommerurlaube mit Künstlern zu verbringen, die ich sonst eigentlich nicht so schätze, habe ich übrigens auch gemacht. Es gibt da einen Herren, der mich einen Sommer lang wirklich intensiv begleitet hat. Der danach aber auch zahlreiche Versuche unternommen hat, die damals entstandene Bindung jäh zu kappen.

    Die Rede ist von Chris Rea.

    So wie Du immer in den Norden, bin ich in den Sommerferien immer in die Türkei gefahren. Ich habe dort Verwandtschaft, die uns in ihrem Haus untergebracht hat. Wie Du, habe ich vor dem Urlaub möglichst viel Musik auf Tapes aufgenommen, die ich im Flieger, am Wasser und in der Hängematte verschlungen habe. Im Gegensatz zu Schweden, habe ich die Türkei nie als ein Land wahrgenommen, das mich mit seiner Popmusik zu berühren wusste. Da galt es einen ordentlichen Vorrat an Tapes mitzunehmen, um die Zeit musikalisch angenehm zu überbrücken.

    1986 war „On The Beach“ von Chris Rea mein Soundtrack. Ich habe das Album mindestens viermal am Tag durchgehört: morgens nach dem wach werden, in der Hängematte nach dem Frühstück, während der verhassten Siesta am Meer sitzend und abends vorm Schlafen. Nur, damit Du die Tragweite richtig einordnen kannst: 1986 war auch das Jahr von „Black Celebration“.

    Ich kenne seit jenem Sommer jeden Ton, jede Textzeile, jedes Klingeln und Klappern der zum Teil opulenten Arrangements auf „On The Beach“. Und sobald es Juni wird wandert die entsprechende Playlist wie von allein auf meinen iPod. Das hat schon fast Pawlow’sche Züge: Sommer? „On The Beach“.

    Das weitere Oeuvre von Chris Rea hingegen fand ich dann doch weitgehend abschreckend. Abgesehen von „Driving Home For Christmas“ und der einen oder anderen Ballade (sic!).

    Wenn ich das Wetter draußen so sehe, kann ich mir kaum vorstellen, dieses Jahr wieder „On The Beach“ auflegen zu können…

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