13/100: They’re Coming to Take Me Away, Ha-Haaa!

Napoleon XIV. (1966)

Für mein übermäßiges Interesse an Musik sind drei Männer verantwortlich. Da wäre zunächst mein Vater, der mir schon früh Einblicke in seine Platten-Sammlung gewährte. Und mich dann auch mit zwei weiteren Herren „bekannt machte“: den Radio-Moderatoren Wolf-Dieter Stubel und Mal Sondock. Wobei es zwischen den dreien eine klare Rollenverteilung gab: Beatles (prä-“White Album“), Beach Boys, Elvis Presley, Diana Ross & the Supremes, Astrud Gilberto – diese Grundlagen habe ich von meinem alten Herrn mitbekommen. Von Stubel und Sondock hingegen erwartete ich bitte schön das neue Zeug.

Von den beiden Radiomoderatoren hat Mal Sondock mich am längsten begleitet. Anfang der Achtzigerjahre habe ich jeden Mittwochabend damit verbracht, vor meinem Dual-Radio zu sitzen und die Songs aus der Sendung auf Kassette aufzunehmen. Es gab nur eine Ausgabe im Jahr, die mich absolut kalt ließ: die Oldie-Hitparade. Eine Art Sondersendung, in der keine neuen Songs vorgestellt wurden, sondern eben Stücke vergangener Jahrzehnte.

Dass ich diese Ausgaben uninteressant fand, lag an zwei Dingen. Zunächst einmal interessierte mich natürlich, wie die in der Vorwoche neu vorgestellten Singles in der Hörergunst abgeschnitten hatten. Dass ich die Antwort auf diese Frage nun mit einer Woche Verspätung erfahren sollte, fand ich blöd. Dazu kam, dass ich einen Großteil der vorgestellten Oldies schon von den Maxell-Tapes kannte, die mir mein Vater aufgenommen hatte. Oder ich sie auf Autofahrten mit meinen Eltern gehört hatte. Oldies? Da kannte ich mich (vermeintlich) aus. Von Adam & the Ants oder Kiz hingegen wollte ich mehr hören.

Umso überraschter war ich, als in einer der Oldie-Sendungen ein Künstler angekündigt wurde, von dem ich im Musik-Universum meines Vaters nie gehört hatte. Eher desinteressiert aber irgendwie doch neugierig löste ich die Arretierung der Pause-Taste an meinen Sharp-Recorder und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

„They’re Coming to Take Me Away, Ha-Haaa!“ von Napoleon XIV. wollte in keine der Schubladen passen, die ich mir mit Hilfe des eingangs erwähnten Herren-Trios angelegt hatte. Keine Frage: Angesichts seines Alters war der Song ein Oldie. Aber für Oldies, wie ich sie bislang kategorisiert hatte, war er schlicht zu durchgeknallt. Die verfremdete Stimme, der Nicht-Gesang (Frage an die Experten da draußen: Ist das womöglich eine Vorform von Rap?), dazu der monotone Beat und das Sirenengeheul… Diese zwei Minuten brachten mein musikalisches Weltbild für kurze Zeit ins Wanken. Aber da ich in den darauf folgenden Monaten weder bei meinem Vater noch bei Mal Sondock auf etwas Vergleichbares stieß, konnte ich „They’re Coming to Take Me Away, Ha-Haaa!“ als singuläres Phänomen abtun und mich ruhigen Gewissens und überheblich noch viele Jahre gegen Oldie-Hitparaden, Oldie-Parties und Oldie-Foren wehren. Wozu sollte ich mich denn bitte schön noch mit alter Musik beschäftigen? Auf meinen Maxell-Tapes war ja alles Relevante zu finden. Lieber schlief ich im Auto auf dem Parkplatz, als mit meiner Peer-Group auf eine 70er-Jahre-Feier zu gehen. Inzwischen bin ich da aber nicht mehr so streng. Wahrscheinlich weil ich selbst zum Oldie geworden bin.

Zum Abschluss schon mal der Hinweis: „They’re Coming to Take Me Away, Ha-Haaa!“ wurde von einer Band gecovert, die hier bei 100Songs.de auch noch auftauchen wird. Stay tuned.

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. *Schön, dass Du wieder da bist Michael! Unser Blog drohte ja schon thematisch viel zu sehr in eine Genre-Ecke abzudriften…<br>< br>

    Und mit Napoleon XIV. hast Du ja ganz schön was aus der Schublade gezogen. Ich bin zutiefst beeindruckt – vor allem angesichts der Tatsache, dass dieser Song bald vierzig Jahre alt ist. Und er nimmt so vieles vorweg: die Talking Heads, Malcolm McLaren, Helge Schneider und Busta Rhymes. Also: Ich kannte den Song überhaupt nicht und bin superfroh, dass Du mich auf diese Perle hingewiesen hast.

    Wenn ich den Song höre, stelle ich mir New York in den 60ern vor – die Factory, Aaaaaandy und seine Anhängerschaft, Velvet Underground und Pop Art, die letzten Überlebenden der Mad Men und die aufkeimenden Soundexperimente mit elektronisch erzeugter Musik.<br><br>

    Wenn ich das Datum gedanklich weglasse, dann fühle ich mich beim Hören wie auf irgendeiner abstrakten Performance-Session im 80er Jahre-London oder einer abgedrehten Keller-Aktion von Friedrichshainer Retro-Spaßköpfen. Scheißegal – der Song… tja was passt da für ein Verb? „Rockt“? „Groovt“? Vielleicht eher „knallt“. Ja genau, der Song knallt. Es ist musikalisch die totale Anarchie. Bands wie Deichkind, Bonaparte (wie passend!) oder K.I.Z. müssen sowas heute mühsam optisch in ihren Videos inszenieren, um so ein Feeling zu produzieren.<br><br>

    Du fragst, ob das ein Vorläufer von Rap ist. Natürlich weiß ich, was Du meinst. Ich hab auch nachgesehen, auf welchen Coverkünstler Du da verweist und das macht sicher auch Sinn. Aber ich bin mit solchen Aussagen trotzdem immer etwas vorsichtig. Das kommt mir dann so vor, als wenn Jazz automatisch als Vorläufer von Dancehall, Trap und Jungle gilt. Klar, die Macher sind afroamerikanische Avantgarde, haben sich in dunklen Kellern ihre ersten Auftritte gehabt und bedienen sich bei der Instrumentenauswahl manchmal an ähnlichen Tonal-Strukturen. Oder negieren diese bewusst.<br><br>

    Ich will jetzt gar nicht den Rechthaber geben – aber Du hast mich ja gefragt. Und ich reagiere auf diese Versuche, die Rap-Urväter zeitlich immer noch vor Africa Bambaataa und der Soul Sonic Force anzusiedeln, immer etwas… genervt. Gar nicht, weil ich mich als Teil irgendeines Geheimbundes verstehe, der versucht, die Raphistorie krampfhaft clean zu halten. Ursache dafür war der ehemalige VIVA-Moderator Falk. In irgendeiner Mixery Raw Deluxe-Ausgabe hat er mal halbspaßig diese These mit „Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Club Band“ vor laufender Kamera propagiert – und da fand ich es einfach zu bemüht und auch nicht richtig lustig. Nur weil jemand nicht singt, heißt das ja automatisch nicht, dass er rappt. Denn so richtig über den Sound flowen tut ja der Napoleon meines Erachtens ja nicht. <br><br>

    Er ist einfach nur crazy – bildet aber trotzdem irgendwie eine wunderbare Einheit mit den Instrumenten. Schade, dass man ihn aus dem Musikgeschehen weggesperrt hat…

     

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