12/100: The Suburbs

Arcade Fire (2010)

„Arcade Fire sind der Soundtrack zur Occupy-Bewegung.“ Als ich mich im Herbst 2011 beruflich näher mit den Ideen der „99 Prozent“ auseinander setzte, stieß ich bei meinen Recherchen immer wieder auf diese Formulierung.

Occupy

Wenn man denn überhaupt glauben möchte, das Popmusik jemals einen breitgefächerten politischen Impetus inne hatte, dann dürfte all das mit den selbstzentrierten, drogengeschwängerten 70ern, spätestens aber mit den komplett hedonistischen 80ern vorbei gewesen sein. Na klar hat sich auch Bob Dylan in den 90ern drei bis vier Mal zurückgemeldet und natürlich gibt es die Einflüsse der Black Power-Bewegung im Rap. Doch im Großen und Ganzen ist der Popstar als Vordenker einer Generation in meinen Augen ein überholtes Modell.

Was ich wirklich sehr schade finde, weil ich irgendwie dem Gedanken anhänge, dass es schön ist, wenn Agitation und Entertainment zu einer Pastiche verschmelzen. Wenn man quasi beim Hören nebenbei bleibende kluge Gedanken einsaugen kann. Und wenn man das Gefühl hat, dass nicht alles immer nur Pop ist – ohne Anspruch an allgemeingültige Aussagen versteckt unter einer Attitüde der Interpretationsfreiheit.

Das klingt jetzt vielleicht wie hochgestochene pseudo-intellektuelle Phrasendrescherei und verleiht dem Folgenden einen Überbau, dem natürlich keine Band Stand halten kann. Doch so empfinde ich eben. Selbstverständlich bin ich voll dafür, das man denken darf: Pop ist Pop ist Pop. Aber hin und wieder möchte ich beim Hören an die Hand genommen und herausgefordert werden: Von Gedankenwelten, die sich mit mehr beschäftigen als nur mit interessanten Fassaden und schön formulierter Poesie.

So kam es also, dass ich mich erst vor anderthalb Jahren mit der kanadischen Band Arcade Fire beschäftigen mochte. Wenn jetzt der eine oder andere Leser innerlich aufschreien mag – mir egal. Man kann faktisch nicht alles immer kennen – und das bedeutet auch, dass man hinterher fassungslos vor einer fünf-Jahre-alten Platte sitzt und sich fragt: Wie konnte ich das nur übersehen?

Die Antwort ist ganz einfach: Der gegenwärtige Output an international relevanter Musik ist einfach viel zu groß geworden. Um allen Strömungen und Artists hier auch nur ansatzweise gerecht zu werden, müssten wir unser Projekt hier mal mindestens „500 Songs“ nennen und noch 20 Autoren in den Pool dazu nehmen. Doch wir sind ja keine Rockzeitschrift mit Anspruch auf Vollständigkeit. Es geht um die subjektive Wahrnehmung popmusikalischen Schaffens. Daher gerne noch mal: Ja, ich habe die ersten beiden Alben komplett verpasst und bedauere das aus heutiger Sicht sehr. Und vermutlich gibt es den einen oder anderen Leser, der mehr als ich von diesem kanadischem Folkrock mit Sonic Youth- und Depeche Mode-Einflüssen versteht. But try walking in my shoes.

Zurück zur politischen Weltanschauung. Ich googelte mich also durch das Gesamtschaffen dieser Band und blieb bei dem unfassbar-emotionalen Track „Rebellion (Lies)“ hängen. Der Titel schien in die richtige Richtung (Aufbegehren! Randale!) zu gehen, doch schnell stellte ich fest, das es hier mehr um Traumwelten und die Verarbeitung von Trauerarbeit ging.

Dann stieß ich auf ein Audiosnippet von „The Suburbs“. Und musste zunächst feststellen, dass man beim ersten Hören von Arcade Fire nicht viel Politisches findet. Doch das macht nichts. Das gleichnamige Album beschäftigt sich vielmehr mit jugendlichen Wahrnehmungen der Welt, mit Vorstadtromantik und ein wenig mit „angst“. Der Clip zur Single wurde von Spike Jonze gedreht – und der versteht sein Handwerk bekanntlich perfekt.

Wir machen also eine Reise in eine künstlich-gehaltene Gated Community. Protagonisten sind fünf Teenager, ihre Fortbewegungsmittel sind Fahrräder. Doch der Frieden trügt, denn die Kids können durch den Zaun hindurch immer wieder einen Blick auf das Grauen der Außenwelt werfen. Mir kommt es so vor, als ob in dem Clip „Stand by Me“ und „Breakfast Club“ weitergedacht wurden. Es ist ein bisschen wie bei den Peanuts: Der Fokus wird komplett auf die Weltsicht der Jugendlichen gelegt – die Erwachsenen sind lediglich Antagonisten. Und sie verkörpern – wie im Roman „Lord of the Flies“ – eine feindliche Außenwelt. Diese Welt ist der Krieg. Eine zunächst abstrakte Bedrohung, die aber im Verlaufe des Videos immer stärker in die westliche Wohlstandswelt hineinragt. Dass das nicht der Anfang einer Dystopie ist, wissen wir alle seit September 2001 ja sehr genau. Doch die Amerikaner – und Arcade Fire-Frontmann Win Butler stammt ja schließlich aus den Woodlands, einem Heile Welt-Vorort von Houston – hat der Angriff auf eigenem Boden damals noch nachhaltiger als die meisten Europäer erschüttert. Jedenfalls folgen wir den Kids durch ihr einfarbiges Suburbia und wie in Bret Easton Ellis Roman „Lunar Park“ nimmt der Zuschauer / Beobachter immer wieder kleine verstörende Elemente war, die die schöne bunte Wisteria Lane-Fassade kontrastieren.

Sicher, dieses Video ist letztlich nur eine Interpretation dessen, was Spike Jonze beim Hören des Albums wahrgenommen hat. Dieser Höreindruck hat ihn zur Produktion des Kurzfilms „Scenes from the Suburbs“ animiert – und der Clip ist quasi nur ein knapp sechsminütiges Abstrakt dieses Films. Doch es ist ja schließlich auch der offizielle Clip der Band und daher darf man vermuten, dass sich Arcade Fire nicht nur von dem Regie-Genie gebauchpinselt fühlten, sondern sehr wohl ein Mitspracherecht bei der ästhetischen Umsetzung hatten.

Ihr Sound ist leise und wohldurchdacht. Die sieben Musiker scheinen eine Art gleichberechtigtes Kollektiv zu bilden, denn die Gesangsspur ist merkwürdig zurückgenommen. Es scheint, als ob jeder Klangkörper dem anderen ebenbürtig ist. Die Gesangsstimme ist eben nur noch eine Stimme unter vielen. Alles getragen von einer musikalische Wehmütigkeit. Und den hymnischen Charakter des Refrains kann wohl niemand absprechen. Vielleicht schließt sich da ja wieder der Kreis zu den „99 Prozent“ und wir sind wieder beim Kolletivgedanken der 60er Jahre oder den Weltanschauungen in John Lennons frühen Solo-Platten.

Das alles fließt bei mir beim Hören mit ein und ist gleichzeitig auch etwas egal. Arcade Fire machen einfach Musik, die mich mit einem wohligen Gefühl zurücklässt. Emotional irgendwo zwischen MGMT und The Cure, musikalisch zwischen den großen Erzählungen von Tom Petty und der Wut von The Clash verankert. Wer die Platte kennt, sollte sie gleich mal auflegen. Wer sie nicht kennt, dem kann ich nur empfehlen, das schnellstens nachzuholen. Oder was meinst Du dazu?

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Musik und Politik – da hast Du ja ein Fass aufgemacht. Hier sind meine Gedanken zum Thema, auch auf die Gefahr hin, dass sie in der Summe kein stimmiges Bild ergeben…

    Im Grunde genommen stimme ich Dir zu, dass der Popstar als Vordenker einer Generation ein überholtes Modell ist. Und finde das einerseits wirklich schade. Denn ich denke gern an Band Aid bzw. Live Aid zurück. Sowohl die Single als auch das Festival  waren für mich wichtige Ereignisse. Schließlich konnte ich meinen Eltern auf diese Weise vermitteln, dass diese ganzen komischen Typen aus Formel 1 und Mal Sondocks Hitparade etwas Großartiges organisieren konnten. Das war Genugtuung für so manchen schmerzhaften Kommentar vom Sofa meiner Eltern, etwa wenn „Girls On Film“ oder „What Is Love?“ im TV lief. Durch meinen Kauf des Tonträgers und das Zuschauen im Sommer 1985 war ich Teil einer Bewegung, auf einer Wellenlänge mit vielen anderen. Das fühlte sich großartig an. (Bei Band Aid 20 übrigens nicht.)

    Aber das Prinzip „Künstler nimmt sich eines Themas an – packt das in Musik – schart Menschen um sich“ hat sich ja schon bei dem Festival anlässlich Nelson Mandelas 70. Geburtstag abgenutzt. Und über komtemporäre Veranstaltungen dieser Art hüllen wir besser den Mantel des Schweigens.

    Dass ich auf musikalische Weltverbesserer inzwischen gereizt reagiere, hat sicher was mit meinem Alter zu tun. Aber auch mit Bono. Sein Einsatz für gut gemeinte Dinge wurde mir irgendwie zu viel. Ich kann jeden Musiker verstehen, der eben nicht als „der neue Bono“ tituliert werden möchte. Und jedes Publikum, das  sich von einem Künstler abwendet, der sich in diese Richtung entwickelt.

    Und noch einen Grund möchte ich dafür anführen, dass dieses tradierte Modell nicht mehr funktioniert, nicht mehr funktionieren kann: Wer bitte schön schafft es heutzutage noch, sich über einen längeren Zeitraum als eine integre Person darzustellen, die es zu unterstützen gilt? Annette Schavan? Jay-Z? Barack Obama? Dank Youtube, Twitter und immer hektischer arbeitenden Medien ist das Image schneller angeknackst als man glaubt. Und die Followerschaft verloren.

    Angesichts dieser Rahmenbedingungen und von Protagonisten mit immer kürzer werdenden Halbwertszeit bin ich also andererseits froh, dass der Popstar als Vordenker einer Generation ein überholtes Modell ist. Aber an Identifikationsfiguren – auch für politisches Gedankengut – scheint offensichtlich weiterhin Bedarf zu bestehen. Das zeigt das Beispiel Arcade Fire. Im Gegensatz zu früher sucht sich offenbar heutzutage das Publikum ein Thema und dann – aus mir nicht immer nachvollziehbaren Kriterien – den Musiker dazu. Arcade Fire bieten sich dafür auch wirklich an: Sowohl textlich als auch in der Aussage des Videos bleiben sie uneindeutig. Der Song kann so interpretiert werden, wie es gerade passt. Ich mache der Band daraus keinen Vorwurf, beobachte aber auch, dass dieser Ansatz sich offensichtlich auch gezielt für andere politische Zwecke nutzen lässt.

    Und somit zeigen diese Beispiele: Genau so wenig, wie man nicht nicht kommunizieren kann, kann Musik nicht nicht politisch sein. Nehmen wir noch ein weiteres Beispiel dazu, „Out Of Time“ von Blur. Vordergründig scheint es sich um die kritische Bilanz einer Beziehung zu handeln. Mit den passenden Bildern wird aus dem Song aber ein Statement gegen den Irak-Einsatz Großbritanniens.

    Ich weiß: Ich habe mich jetzt mit Karacho in ein Dilemma argumentiert. Einerseits will ich bitte keine Nervensägen. Anderer will ich auch kein Wischiwaschi, das sich ohne großen Aufwand beliebig von wem auch immer politisieren lässt. Zum Glück gibt es auch hier eine goldene Mitte. Zwei Beispiele dafür habe ich auf meiner 100-Songs-Liste. Da will ich nicht vorgreifen. Und verweise statt dessen auf ein Beispiel aus dem Jahr 1994. Als Reaktion auf Freiland-Raves hatte die britische Regierung mit dem „Criminal Justice Bill“ die Verschärfung des Versammlungsrechts auf den Weg gebracht. Ebenfalls im Visier der Gesetzgeber: Musik mit repetitiven Elementen. Viele Bands und Künstler liefen damals gegen das Vorhaben Sturm, darunter The Prodigy und auch Autechre. Eine besondere Form des Protests hatten sich Orbital ausgedacht. Hör‘ Dir „Are We Here? (Criminal Justice Bill?)“ an – so originell und pointiert kann die Verbindung von Politik und Musik dann doch sein. Auch wenn es in diesem Fall nichts gebracht hat. Und Orbital – wie auch viele ihrer damaligen Mitstreiter – das politische Engagement eingestellt haben.

    Ach so, von wegen Wischiwaschi… Jetzt habe ich fast 3.000 Zeichen anlässlich von Arcade Fire produziert, ohne mich konkret zu ihnen zu äußern. Das muss ich noch nachholen, auch wenn’s schwer fällt. Denn Arcade Fire gehen bei mir ins eine Ohr rein, ins andere raus. Da passiert nichts. Gar nichts. Weder Zuneigung noch Ablehnung. Im Prinzip geht es mir mit der Band wie mit Whipping Boy – nur umgekehrt: Alle finden sie klasse, ich verstehe nicht warum. Woran das liegen mag? Das Fass mache ich jetzt nicht mehr auf…

  2. Pingback: Interlude: Arcade Fire/Tears For Fears | 100 Songs

  3. Pingback: Interlude: Arcade Fire | 100 Songs

  4. Pingback: 25/100: No, Surrender | 100 Songs

  5. Pingback: Interlude: Arcade Fire | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.