11/100: We Don’t Need Nobody Else

Whipping Boy (1996)

Manchmal fühle ich mich wie Jack Black in “Schwer Verliebt”. Und Whipping Boy sind meine Gwyneth Paltrow.

“Heartworm” ist ein Album, das ich großartig finde. Als Juror von “Platten vor Gericht” habe ich es 2001 sogar auf Platz 1 meiner All-Time-Faves gesetzt. Vor “Songs Of Fatih And Devotion”! Was mir allerdings zu denken gibt: Außer mir scheint niemand in der LP den Schatz zu entdecken, den ich darin funkeln sehe. Seit mehr als 16 Jahren will ich andere Menschen für „Heartworm“ begeistern. Es hat noch nie geklappt. Dem einen gefiel der Schlagzeug-Sound nicht, dem anderen der Gesang… Es ist und bleibt mir ein Rätsel, warum ich bei Whipping Boy auf so viel Unverständnis stoße. Bei Menschen, deren musikalische Kompetenz ich (in manchen Fällen auch weiterhin) sehr schätze. Aber das hat das Album und mich nur weiter zusammengeschweißt.

Darum starte ich hier noch einen Versuch. Vielleicht gelingt es mir ja, Dir zu vermitteln, was ich in „Heartworm“ höre. Und beginne mit dem Song, der auch für mich der Einstieg war: „Twinkle“ lief eines Tages ganz harmlos bei Einslive, von einem Musikredakteur (oder Computer) platziert zwischen Oasis und Robert Miles. Eingepfercht zwischen belanglosem Kram hat er auf mich gewartet. Wie der Eingang zu einem Wurmloch. Ein mich magisch anziehendes Tor zu einer dunklen Welt. Ein Versprechen, dass Popmusik nicht zwangsläufig wie die Spice Girls oder Los del Rio klingen muss.

whippingboy_heartwormEinmal durchschritten traf ich auf der anderen Seite des Wurmlochs ein Panoptikum an gescheiterten Existenzen. Paranoia, Schizophrenie, häusliche Gewalt, Ödipus-Komplex und Versagensängste – das waren die Themen von „Heartworm“. Und „Twinkle“ nur die Spitze eines Eisbergs, der unterhalb der Oberfläche bedrohlich und faszinierend zugleich anmutete.

Es war leicht, von den Refrains mitgetragen zu werden. Sich von der Melancholie anstecken zu lassen. Um dann emotional höchstbeschleunigt auf Schicksale zu treffen, die mich auch heute noch bewegen: Der Träumer aus „When We Were Young“, der niemals auch nur einen Blumentopf gewinnen wird, geschweige denn einen Oscar. Der junge Mann aus „Morning Rise“, der versucht die niederschmetternde Diagnose des Psychologen zu verarbeiten. Die junge Frau, die von ihrem Freund „einfach so“ verprügelt wurde. „I didn’t mean it, it just happened“ – so die lapidare Antwort des Peinigers. All das verpackt in Arrangements, die das Format Britpop bis aufs Äußerste ausreizen: eine manisch-sonore Stimme; fiepende Gitarren, immer schräg am „richtigen“ Akkord vorbei; ein Schlagzeug, das haarscharf am Metronom vorbeirauscht, und dennoch alles zusammenhält.

„Heartworm“ machte in seiner Thematik, seiner Umsetzung und Tiefe auf mich einen sehr reifen Eindruck. Die Platte klang für mich nach Lebenserfahrung. Nach Altersweisheit. Darum verstand ich auch nicht, warum auf der Rückseite des Album-Covers vier Jungspunde abgebildet waren. Keiner von denen sah älter aus als 16. Sie trugen Sonnenbrillen, die sich nur 16-Jährige kaufen. Irgendetwas in mir weigerte sich über Jahre zu akzeptieren, dass diese vier Kinder die Urheber der von mir so geliebten Musik sein könnten.

Auf der Suche nach mehr Musik von Whipping Boy stieß ich bei Youtube auf Live-Versionen einiger „Heartworm“-Songs. Und da waren sie wieder: diese Jungs. Und sie standen auf der Bühne wie 16-Jährige. Von den Eigenschaften, Tugenden und Genialität, die ich den Erschaffern von „We Don’t Need Nobody Else“ in Unkenntnis und Ignoranz zugedacht hatte, war nichts zu sehen und zu spüren. Kein Tiefgang, keine Bühnenpräsenz, keine Projektionsfläche. Für einen kurzen Moment habe ich Gwyneth Paltrow als das gesehen, was sie in „Schwer Verliebt“ darstellt. Ich habe umgehend das Browserfenster geschlossen und meine gut funktionierenden Verdrängungsmechanismen ans Werk gelassen. Und will mich auch weiterhin nicht fragen, warum das Boot, in dem Whipping Boy und ich sitzen, so eine Schlagseite hat.

Was hörst und siehst Du denn, wenn Du bei „We Don’t Need Nobody Else“ auf den Play-Button drückst?

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. *Wow, das ist diese Woche gar nicht so leicht für mich, etwas zu Whipping Boy zu schreiben. Denn ich gestehe ganz offen: Noch nie gehört. Sorry.

    Und während Du Dich wie Jack Black fühlst – eine ausgezeichnete Analogie übrigens, die ich erstmal durchdenken musste – habe ich auch schon einen Romantic Comedy-Vergleich gefunden: Bei Whipping Boy fühle ich mich wie Colin Firth im zweiten Teil von Bridget Jones. Nicht in der Filmfassung sondern im Buch gibt es eine Szene, in der Mister Darcy zum ersten Mal in seinem Leben einen Supermarkt betritt und Bridget ihm den Einkaufswagen volllädt. Und er – der erfolgreiche Rechtsanwalt, der sonst immer nur Essen geht – ist begeistert davon, wie viele tolle Lebensmittel man für den lächerlichen Gegenwert von, sagen wir, 250,- Euro bekommen kann (habe die genaue Summer auf die Schnelle nicht gefunden). Aber verstehst Du das Bild? Er will sie und ihre Lebenswelt dringend verstehen, doch gleichzeitig wird dem Leser bewusst, dass er offenbar noch gar nicht das nötige Rüstzeug dazu hat.

    Damit will ich weder arrogant-überheblich rüberkommen noch fishing-for-compliments-artig mein Licht als Pop-Kommentator unter den Scheffel stellen. Aber ich soll ja schließlich was Ehrliches zu diesem Song schreiben. Und ich setze mich eben seit zwei Tagen zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Schaffen von Whipping Boy auseinander.

    Mein erstes Fazit: Ich verstehe, dass die Songs Spaß machen. Aber irgendwie kapiere ich immer noch nicht ganz, warum sie eine so große Bedeutung für Dich haben. „We don’t need nobody else“ klingt für mich streckenweise wie „Narcotic“ von Liquido – den Gedanken fand ich zunächst eher gruselig-abtörnend. Allerdings hat diese erzählende Vortragsweise von Sänger Ferghal McKee auch viel von Jim Morrison in „The End“ – und zwar an der Stelle, an der der besungene Killer nach Hause kommt und schreit „Father / Yes Son / I want to kill you“.

    Diese Assoziation macht tatsächlich Sinn, wenn ich lese, dass Whipping Boy anfangs Velvet Underground gecovert haben. Dann höre ich mir noch mal „Venus in Furs“ an und fühle mich in meiner Annahme zumindest etwas bestätigt. Interessanterweise machen Whipping Boy – abgesehen von  „We don’t need nobody else“  – zumindest in meinen Ohren eher einen Sound, in dem ich mehr auf den Sound als auf die Lyrics hören kann. Und da lenken mich beispielweise in „Morning Rise“ definitiv die Geigen sehr ab.

    „Twinkle“ geht bei mir schon viel leichter rein und nachdem ich es jetzt so acht bis zehn Mal gehört habe, kann ich sagen, dass „Twinkle“ mein definitiver Favorit ist. Klingt angenehm nach Britpop, während ich diesen Referenzrahmen bei den übrigen Songs aber kaum raushöre. Eher so Retrorock, um mal eine Schublade zu bedienen…

    Den Live-Auftritt fand ich übrigens gar nicht so verstörend. Klar, die Schnellfick-Jogginghosen von McKee sind etwas befremdlich, aber sein Alter stört mich überhaupt nicht. Das mag auch daran liegen, dass mich grundsätzlich besonders junge Musiker immer wieder faszinieren. Ich meine, George Harrison ist 1960 immerhin aus Hamburg ausgewiesen worden, weil er noch nicht volljährig war – und da hatten die Beatles bereits fünf Monate lang im Kaiserkeller ihre Rolle als
    totale Gamechanger des Popgeschäfts vorbereitet. Oder meinetwegen auch die Arctic Monkeys: Die waren als verpickelte MySpace-Teenies zehn Mal besser, als auf dem dritten Album, zu dem sich ja bekanntlich Josh Homme an die Regler setzte (was uns Kraftklub und zuletzt auch Heino
    nachhaltig ans Herz gelegt haben).

    Irische Popmusik wird ja – wegen derselben Muttersprache – gerne als hässliche kleine Schwester vom Popmutterland Großbritannien betrachtet. Na klar, es gibt erfolgreiche Weltexporte wie U2, Enya und die großartigen Pogues, aber dann eben auch eben wieder Johnny Logan, Westlife und Jedward. Insgesamt hat allein Manchester mehr wichtige Bands als ganz Irland hervorgebracht (ein bisserl Provokation muss hier doch erlaubt sein). Was ich aber eigentlich sagen will: Mich verwundert es überhaupt nicht, dass in einem Land mit so phantastischer Folklore, um die ich die Iren als Deutscher wirklich beneide, solche Texte zustande kommen.

    Vermutlich ist Whipping Boy der große Erfolg auch wegen Ferghal McKees offensichtlich wankelmütiger Psyche verwehrt geblieben. Doch je mehr ich mich in die Texte reinhöre, desto besser verstehe ich den Appeal, den seine Worte bei Hörern auslösen können. Vielleicht ist es nicht die ganz große Poesie, sondern vieles ist eher pragmatisch-reduziert getextet, aber auf jeden Fall wunderbar melancholisch.

    Und jetzt? Jetzt lasse ich die Songs vor meinem Fazit noch einmal durchlaufen. und fühle mich in meiner Analyse weiter bestätigt. Also: Punktsieg, Herr Münz – Sie haben mich überzeugt, dass Whipping Boy definitiv zu unseren 100 Songs gehören.

  2. Pingback: 67/100: Tomorrow Started (Live) | 100 Songs

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