10/100: Lollipop

Lil Wayne (2008)

Warst Du schon mal in Miami?
Wayne Miami

Stell Dir vor, Du hast die neun Stunden Flug gerade hinter Dich gebracht, genauso wie die Schlange beim Immigration-Schalter. Die Klimaanlagen laufen auf Hochtouren und trotzdem ist der Sommer hier was ganz anderes, als der von eben in good ol‘ Germany. Du schwitzt – aber auf diese angenehme, Urlaubs-Vorfreuden-Art. Der Bus bringt Dich vom Flughafen durch ein merkwürdiges Industriegebiet hindurch an Kanälen vorbei zur Mietwagen-Station. Weil Hochzeitsreise ist, hat Dir Deine Frau erlaubt, dieses Mal ein cooles Auto auszusuchen. Vielleicht nicht den Hummer für 800 Dollar am Tag (very tempting…), aber immerhin ein Cabrio. Keinen ’68er Mustang zwar, aber hey: ein C.A.B.R.I.O.! Verdeck auf, Koffer auf den Rücksitz (der passt wegen des eingeklappten Verdecks dummerweise nicht in den Kofferraum) und los.

Bei der Ausfahrt von Alamo oder Sixt verfährt man sich jedes Mal, wenn man die Autobahnauffahrt nach Miami Beach sucht. Seitdem hier in den 90ern eine deutsche
Touristin vor den Augen ihrer beiden Kinder erschossen wurde, verteilen die Verleiher natürlich immer diese Zettel mit vermeintlich idiotensicheren Richtungsangaben. Trotzdem verfehlt man jedes Mal die Auffahrt trotzdem wieder und landet in einem recht düsteren Eckchen des Rentnerparadieses. Dann bist Du endlich auf dem Autobahnkreuz und die Sonne geht langsam unter. Jetzt noch einmal rechts abbiegen: Vor Dir liegt der MacArthur Causeway nach Miami Beach – für mich DER Inbegriff einer romantischen Urlaubsstraße. Du ziehst den iPod mit der vorbereiteten Playliste aus dem Rucksack, drehst auf und gleitest langsam nach Osten auf das Meer zu. Aus den Boxen piept zuerst zaghaft dieser Satelliten-Sound und dann knödelt Waynes Stimme verzerrt durch den Autotune-Effekt durch die Abendstimmung. Du lächelst Deiner frischvermählten Liebsten zu und atmest die Meeresbriese ein. Pure SWAG-Stimmung.

Links von Dir ziehen die privaten Wohninseln vorbei, aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. Unzählige Villen mit Anlegestellen für Motorboote. Dann lässt Du den Blick nach rechts schweifen, während Lil Wayne über teure Clubnächte rappt. Dort liegen zwei, drei Luxusliner in den Docks: Diese riesigen 4.000-Passagiere-Pötte, wie sie David Foster Wallace in einem sehr lesenswerten längeren Essay fachgerecht wie einen Hummer zerlegt hat. Dahinter folgt die Abfahrt zur Fähre nach Fisher Island, wo sich die Boris Beckers dieser Welt verstecken. Und Wayne rappt weiter seine völlig eindeutigen Metaphern über seine ganz privaten Schlafzimmer-Freuden.

Nun ist die Brücke zu Ende und Du bist fast da: Noch elf Blocks und dann einmal links abbiegen: Jetzt cruist Du in Schrittgeschwindigkeit über den Ocean Drive. Der ist in dieser Abendstimmung einfach perfekt: Latino-Biker-Gangs mit Motorrädern, die es nie durch den TÜV schaffen würden. College Freshmen in ihren Abercrombie-Uniformen auf der Suche nach etwas Gras. Braungebrannte Schönheiten in goldfarbenen Lamé-Bikinis, die auf Rollerblades durch den Abendverkehr sausen. Links das Café, in dem Gianni Versace seinen letzten Espresso trank, bevor er ein paar Blocks später vor seiner Villa erschossen wurde. Ein schwarzer 20er Jahre-Wagen mit einer Al Capone-Puppe drin. Grelle Lichter, pastellfarbene Art Deko-Hotels und jede Menge Musik aus aller Herren Länder. Das sind die Erinnerungen, die für mich ewig mit diesem Song verknüpft sind: Der perfekte Beginn eines Urlaubs.

Waynes Song ist einfach ein Gute-Laune-Hit und funktioniert zum Cruisen genauso wie im Club. Vergiss mal all das Prollige und Frauenverachtende, vergiss mal diesen Hang zur Großmannssucht und all das Bling Bling und die gestretchten Autos und LKWs. Wer versucht, sich erfolgreichen US-Rappern JEDES Mal mit sozialkritischen oder politischen Ansprüchen zu nähern, wird einfach nicht genug finden. Messages sind natürlich grundsätzlich wichtig, aber es gibt eben auch Momente, in denen Rap nur Entertainment sein darf. „Yeah„, No Diggity„, „Get Back„, „Candy Shop“ oder meinetwegen „Sweat“ funktionieren nicht, weil sie so großartige Poesie verbreiten. Es sind perfekt arrangierte Soundideen mit talentierten Rappern, die die Ur-Idee des MCing aus der Bronx der 70er Jahre in die Gegenwart gebracht haben: MC steht ja bekanntlich selbstbewusst für „Zeremonienmeister“. Er soll das Publikum unterhalten, während hinter ihm der DJ für die musikalische Hitze der Nacht sorgt. Es geht um das Vergessen des Alltags – einfach sein und genießen, und ohne kulturwissenschaftliche Gender-Seminare im Hinterkopf zu feiern. So wie es in den 80ern sozialkritische Musik von Public Enemy neben leicht verdaulichen Feierhits von Run DMC gab, darf auch Lil Wayne heute neben tiefgründigeren Kollegen wie den Dead Prez bestehen. Es geht vor allem um Talent.

Jedenfalls war „Lollipop“ für mich mehr als ein Jahr lang der Oberknaller Numero Uno. Lil Wayne: das Rap-Wunderkind aus den Südstaaten, das für einen Moment lang selbst Größen wie Jay-Z, Eminem und Snoop Dogg in die hinteren Ränge verwies. Ein temporärer Hit-Garant, mit dessen unkonventionellen Reimen sich eine Zeit lang jeder Urban Music-Künstler als Feature-Gast schmücken wollte – bis es irgendwann genug war. Es gibt diesen unfassbar entlarvenden, unautorisierten Film namens „Tha Carter Documentary„. Der Filmemacher Adam Lough kam Lil Wayne in der Produktions- und Promotionphase für das Hit-Album „Tha Carter III“ wochenlang sehr nahe. Er begleitete ihn zum Beispiel im Tourbus, in dem Lil Wayne ein mobiles Tonstudio eingerichtet hatte. Der Zuschauer lernt, dass Wayne keine einzige Textzeile aufschreibt, sondern alles aus dem Gedächtnis einrappt und modifiziert. Sehr eindrucksvoll. 

Dann gibt es diese Promophase, die Herr Wayne nach Amsterdam verlegt. Man ahnt schon, warum der Oberkiffer gerade dort sein Hauptquartier einrichtet. Er schlurft also in einem Luxushotel durch die Säle – immer einen Styroporbecher voll kodeinhaltigem Hustensaft namens Syrup in der Hand. Dann sehen wir das Interview, das meines Erachtens seit dem Kinski-Auftritt zu den unangenehmsten Momenten zählt, den ein Kollege unseres Berufstands je vor laufender Kamera – also abrufbar für die Ewigkeit des Internets – erlebt hat. Dieser Zeitungs- oder Magazin-Reporter – dem Akzent nach ein Deutscher – will Wayne wegen seiner Improvisations-Skills in den Kontext von Jazzmusik stellen. Ist ja auch erstmal nicht verwerflich: Wayne improvisiert und kommt außerdem aus New Orleans. Da kann man ja als feuilletonistischer Schreiber mal Eins und Eins zusammenzählen.

Doch Wayne hat keinerlei Interesse, über Brass-Musik oder typische Südstaaten-Blaskapellen-Sounds (Second Line-Musik) zu sprechen. Der Journalist ist irritiert, dass ihm seine vorher so schön zurechtgelegte interpretatorische Sichtweise so komplett verhagelt wird. Er ist auch sichtlich eingeschüchtert, glaubt aber, seinen Fehler wett machen zu können. Er will Wayne damit schmeicheln, dass er ihn als modernen Poeten bezeichnet. Natürlich wieder in diesem Jazz-Kontext eingebettet. Wayne wird einsilbig – es fängt an, richtig unangenehm zu werden. Doch der Kollege hat immer noch nicht verstanden, wie schnell seine Audienz gleich wieder vorbei sein wird. Also hakt er noch mal nach: „So you never did any kind of poetry?“ Jetzt hat König Wayne genug: Er lässt nach seiner Pressedame „Miss Kia“ rufen und diesen Typen entfernen, weil er ihn nicht mag und redet daraufhin kein Wort mehr mit ihm. Der Kollege fühlt sich völlig unverstanden und stammelt nur noch irritiert „Warum?“, bis er hinaus geleitet wird. Ein absolutes Worst Case-Interview, das mir beim Zuschauen jedes Mal wieder körperliche Schmerzen bereitet. Ich wüsste zu gerne, wer dieser arme Kollege war und ob er jemals wieder über Rap geschrieben hat – doch hiermit drücke ich ihm nachträglich mein tief empfundenes Mitgefühl aus. Über Hinweise auf den Autor wäre ich aber wie immer sehr dankbar. (Übrigens: Wie man sich diesen Tag mit Wayne so vorstellen muss, hat zumindest dieser englische Journalist hier geschrieben).

Jedenfalls-jedenfalls: Hier mein Fazit. Natürlich ist Wayne ein total fertiger Typ, aber er hat eine Zeit lang sehr gute Musik gemacht. Und genau darum geht es ja auch bei 100 Songs: Faszinierende Momente der Musikgeschichte einzufangen und auf ihre Halbwertzeit zu prüfen. Auch wenn inzwischen viele andere das kontemporäre Rap-Game bestimmen und ich seine letzten Feature-Parts auch eher langweilig finde: Lil Wayne hat bei mir seinen festen Platz. Denn er hat mir gezeigt, wie leicht das Leben sein kann, wenn man nur die richtige Musik zum richtigen Zeitpunk laut aufdreht. SWAG hin oder her.

Lil Mikko

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wahrscheinlich war es Zufall, aber „Lollipop“ zu Karneval zu posten, ist im Grunde genommen ausgesprochen passend. Wie schreibst du? „Vergiss mal all das Prollige und Frauenverachtende“ – gerade während der jecken Tage ist das für mich kein Problem. Und so erfreue mich an Songs wie „Mahatma“. Wobei ich Bernd Stelter und Lil Wayne dann doch unterschiedlich wahrnehme. Bei dem Barden aus Bornheim fällt es mir leicht zu glauben, dass er mit den Geschlechterklischees kokettiert: Es gibt einen klar definierten Kontext (Karneval) und eine als ironisch/parodistisch/satirisch erkennbare Darbietung der Unanständigkeiten. Das macht bestimmte Zeilen nicht besser. Aber es hilft mir, den Song dann doch goutieren zu können.

    Bei Lil Wayne hingegen suche ich diesen Riss in der Fassade vergeblich. Auch am Rosenmontag. Ich kann irgendwie nicht anders als glauben, dass er es ernst meint. Nichts in seinem Auftreten oder dem im Video dargestellten Kontext lässt mich vermuten, dass er mit Rollenklischees kokettiert. Da wird es für mich schwer, einen Großteil des „Pakets“ auszublenden und mich allein der Nettigkeit und der gelungenen Produktion, mit denen Lil Wayne „Lollipop“ verschnürt hat, hinzugeben.

    Überhaupt, das Video. Ich hatte gehofft, dass mit „What They Do“ von The Roots alles gesagt gewesen sei. Aber auch Jahre später (wie bei „Lollipop“) werden immer noch dieselben Klischees bemüht, um Hiphop zu bebildern und zu verkaufen. Auch mit dem Clip verkörpert Lil Wayne also ziemlich viel von dem, was mich seit Ende der Neunzigerjahre am US-Hiphop nervt.

    Vielleicht bin ich vor dem Hintergrund des #Aufschreis auch ein wenig sensibel bei dem Thema. Als die ersten Tweets mit dem Hashtag am 1. Februar in meiner Timeline auftauchten, war ich doch ziemlich entsetzt und mitgenommen. Und noch schlimmer fand ich eine Unterhaltung, die ich drei Tage später beim Frühstück in einem Hotel in Osnabrück aufgeschnappt habe. An einem Tisch neben mir saßen zwei Herren, die nur wenig älter waren als ich. Sie sahen aus wie zwei IT-Außendienstmitarbeiter im Freizeit-Look. Brax-Jeans, März-Pulli… Wie so Männer Mitte 40 normalerweise aussehen. Auf den ersten Blick machten sie einen recht zivilisierten Eindruck. Dann kam einer der beiden auf Brüderle zu sprechen: „Die Gesellschaft ist doch ohnehin total verweichlicht. Diese Brüderle-Debatte – ich meine, was soll das denn? Was hat der denn schon gemacht? Der hat der doch nur auf die Titten geguckt. Wo soll denn der auch sonst hingucken. In die Augen etwa?“ Sein Gegenüber nickte zustimmend.

    Worauf ich hinaus will: Du und ich, und viele andere auch: Wir können bei einigen Songs kritische Punkte erkennen und ausblenden. Ich befürchte aber: Ein Großteil der Menschen da draußen  erkennt diese kritischen Punkte erst gar nicht. Und das macht mir Sorge. Und diese Sorge wiederum verhindert, dass ich mich auf einige Songs einlassen kann. Oder dass ich mich frage, ob ich „3x Yeah“ von Chris Brown jemals wieder auf einer Party spielen werde.

    Nichtsdestotrotz kann ich gut nachvollziehen, wie „Lollipop“ den Weg in deine 50 Songs gefunden hat. Flitterwochen, Sonne… Klingt gut. Nachvollziehen kann ich aber auch die Situation des Interviewers, der sich mit Lil Wayne auseinandersetzen musste. Ich durfte mal ein Mitglied des Wu-Tang Clans interviewen. Auch wir mussten das Treffen abbrechen. Dem Herren wurde während des Gesprächs schlecht… „Erst frühstücken, dann kiffen“, waren seine letzten Worte, bevor er sich entschuldigte. In der Suite, in der mich der Herr empfing, lief übrigens die ganze Zeit der Porno-Kanal des Hotel-Fernsehens.

    Bleibt mir bei diesem Thema eigentlich nur noch eins: auf „You Suck“ von Consolidated und den Yeastie Girls zu verweisen. Ob Lil Wayne den Song wohl kennt?

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