9/100: Unsere Stammbaum

Bläck Fööss (2000)

Ich mach’ dann einfach mal beim Thema „Städte“ weiter. Und lenke Deine geneigte Aufmerksamkeit auf – Köln. Denn der Umzug in die Domstadt hat meinen musikalischen Horizont nachhaltig erweitert. Allerdings nicht ganz so, wie ich es erwartet hatte.

coloniusMusik aus Köln – das war zunächst mal BAP. Die tauchten irgendwann bei Mal Sondocks Hitparade auf, als Plattenfirmen anlässlich des Hypes um die Neue Deutsche Welle auch ihren Backkatalog an den Mann/die Frau bringen wollten – so wie auch die Spider Murphy Gang oder die Rodgau Monotones. Und in der Bravo habe ich mal Zeltinger gesehen. In seiner Tigerfell-Unterhose. Für mich als norddeutschen Teenager war das genauso zugänglich wie togolesische Volksmusik in Ewe. Und somit uninteressant. Später dann nahm ich Köln aus der Ferne vor allem als elektronisch geprägte Stadt wahr. Kompakt, A-Musik, Liquid Sky: Ich war gespannt darauf, mir diese Szene mit meinem Umzug nach Köln mal aus der Nähe sehen zu können.

Gegenüber einer anderen kölschen Institution war ich allerdings skeptisch: Zu Karneval hatte ich ein ausgesprochen zurückhaltendes Verhältnis. Was sicher auch auf meine norddeutsche Heimat zurückzuführen war: In Osnabrück spielt Karneval nur am so genannten Ossensamstag eine Rolle. Die ansonsten ereignislose Ruhe in der fünften Jahreszeit wird für ein 24-stündiges Koma-Saufen in der Innenstadt jäh unterbrochen. Das war’s. Davor oder danach spielt der Karneval keine Rolle. Das Prinzip, der Mehrwert – schlicht: Der Spaß an diesem „Fest“ wollte sich mir nicht erschließen. Vor dem Hintergrund dieser Sozialisation wollte ich mir den Karneval an meinem neuen Wohnort erst mal aus der Ferne ansehen.

Von wegen.

Vier Monate. Länger hat es nicht gedauert, um aus dem karnevalsskeptischen Norddeutschen einen karnevalsbegeisterten Norddeutschen zu machen. Hatte ich beim Anblick der überall plakatierten Brings-Poster zunächst noch gerätselt, was wohl „Superjeile Zick“ heißen könnte, zog ich vier Monate später schon am Karnevalssamstag 2001 mit mir bis dahin unbekannten Menschen durch die Kölner Altstadt und amüsierte mich königlich.

Ich zog von Brauhaus zu Brauhaus. Meine Bekanntschaften schleusten uns an Türstehern vorbei in volle Kneipen. Ich hob die „Hände zum Himmel“ und gröhlte „doch hück Naach weiß ich nit wo dat enden soll“ bzw. das, was ich damals davon verstanden habe. All das mit einer Clownsperücke auf dem ansonsten immer akkurat gestylten Haarschopf.

Nicht nur mein Gebaren kam für mich überraschend. Was mich auch nachträglich immer noch fasziniert: Das Einfügen in die Stadt, in die Menschen und das riesige Fest passierte von jetzt auf gleich. Es gab kein Fremdeln. Keine Scheu. Keine anfängliche Zurückhaltung meinerseits. Ich war Teil des Karnevals. Ich war Teil von Köln. Und blieb es – bis zum nächsten Umzug. „Kölle, du bes e Jeföhl“: Ohne es konkret an etwas festmachen zu können, stimme ich dieser Aussage angesichts meiner Erlebnisse ohne weiteres zu.

viva express coverNach meiner Karnevalspremiere fing ich natürlich gleich an, mich mit der gehörten Musik einzudecken. Wobei ich dann gelernt habe: Nicht alles, was Karneval ist, ist gehaltsarmes Partyfutter. Und nicht alles was kölsch ist, ist auch Karneval. Viele der Stücke, die ich inzwischen in meiner Playlist „Karneval“ versammelt habe (zum Teil vollkommen ungerechtfertigt), sind schlicht und ergreifend tolle Songs. Hintergründige Texte. Melodien, die einen ein Leben lang nicht mehr loslassen. Originelle Arrangements. Das ist zum Teil hohe Kunst, vor der ich nur den Hut ziehen kann.

Als jemand, der in der Domstadt gelebt und sich dort sehr wohl gefühlt hat, sprechen mich die Köln-Hymnen besonders an. Sicher: Das alles ist extrem verklärt. Das alles trieft nur so vor Lokal-Schmalz. Es hängt vergangenen Zeiten hinterher. Aber es spricht mich an. Und im „Stammbaum“ der Bläck Fööss finde ich sogar meine eigene Geschichte.

Auch mich hat es aus einem gefühlt anderem Kulturkreis nach Köln verschlagen. Wo ich herkam, war der Stadt egal. Sie hat mich aufgenommen und mir viele meiner Wünsche erfüllt. Auch Jahre nach meinem Wegzug kriege ich regelmäßig dieses „Jeföhl“: beim Hören meiner Playlist. Bei der Durchfahrt mit dem Zug. Einfach nur so. Bei aller Häme und allem Fremdschämen: Köln ist eine l(i)ebenswerte Stadt. Die mit „Unsere Stammbaum“ die Hymne bekommen hat, die sie verdient.

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich mag Köln. Das möchte ich gleich mal voranstellen, bevor ich weiterschreibe und jemand unserer geneigten Leser diesem Text einen miesen Städte-Bashing-Ansatz unterstellt. Sozusagen als vermeintliche Rache auf Deine Berlin-kritischen Kommentare. Nein, sowas gibt’s hier nicht: Köln steht auf Platz 3 meiner alternativen Wunsch-Wohnorte in Deutschland. Sollte es mich beruflich irgendwann mal ins Rheinland verschlagen, würde ich mich dort also hoffentlich wohlfühlen. Aber Karneval? Ich weiß nicht…

    Bereits an anderer Stelle habe ich mich wie gesagt als „überzeugter Westberliner“ geoutet. Und daher kann ich Deine Vorurteile gegenüber bestimmten Stadtteilen und Entwicklungen voll teilen. Orte, an denen mein direktes berufliches Umfeld in seiner Freizeit zumeist anzutreffen ist, interessieren mich überhaupt nicht. Na ja, das stimmt natürlich nicht ganz: Im Schnitt bin ich schon zwei Mal im Monat in besagten „Szenevierteln“ zwischen Hackeschem Markt und Kreuzkölln unterwegs, einfach um mal nachzusehen, ob es da immer noch so schrecklich zugeht. Nein-nein, nur ein Gag. In den entsprechenden Stadtteilen von New York, Paris, London, Hamburg, Frankfurt und Köln sieht es inzwischen genauso aus. Wer leckeren Kuchen oder seltenes Schuhwerk kaufen möchte, kommt da einfach nicht dran vorbei. Doch ich schweife ab – zum Lokalpatriotismus später mehr.

    Es geht also um Köln und den Karneval. Diese Kombination fühlt sich für mich immer so an wie eine RTL2-Reportage über Bierleichen beim Oktoberfest. Oder wie das Video zu „Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt“. Ein Ort, an dem die Brüderle-Debatte wie eine Erzählung von einem anderen Stern klingt. Bei der Gelegenheit wüsste ich ja gerne mal, wie eigentlich die EMMA-Redaktion die tollen Tage übersteht. Vermutlich verbarrikadieren die sich in ihrem Turm… Für sachdienliche Hinweise wäre ich interessehalber sehr dankbar.

    So, jetzt stehen da bereits drei Absätze und bislang kaum irgendwelche Musikreferenzen. Ich schweife ab… wieso kann ich nicht ernst bleiben… zurück zum Thema, bitte…

    Also, ich kenne haufenweise coole Rheinländer, deren Meinung mir normalerweise viel Wert ist. Aber bei diesem Thema komme ich nicht hinterher, wenn vom Bützen und Schunkeln geschwärmt wird. Unabhängig von einigen Dialektbegriffen, die ich kaum kapiere. Dazu muss ich zugeben: Nein, ich war noch nie dabei. Ich darf also eigentlich gar nicht mitreden. Natürlich habe ich in der Schule Fasching gefeiert (ja, so sagen wir Ungläubigen hier in Berlin dazu), aber da ging es eher um einen Tag unterrichtsfrei und Süßigkeiten im Klassenraum. Und während meines Studiums fand ich die Seminare zum Konzept des karibischen Karnevals zu Zeiten der Kolonial-Herrschaft auch wirklich erhellend: Einmal im Jahr werden scheinbar die Rollen vertauscht und die Unterdrückten dürfen komplett austicken, damit sie etwas haben, auf das sie sich in den folgenden 51 Wochen freuen dürfen und die weißen Kolonialherren dürfen ungestört ihre Gelüste unter der schwarzen Bevölkerung ausleben und morgen ist wieder alles vergessen… und so weiter und so fort.

    Aber Entschuldigung: Wir leben im Jahr 2013 in einem Wohlstandsland. Dieses Konzept vom Ausnahmezustand einer gesamten Region über Tage hinweg will mir einfach nicht in den Kopf. Klar, im Bläck Fööss-Video sind haufenweise hübsche Frauen zu sehen. Und zusammen mit dem Kneipenangebot der Domstadt dürfte das ganz sicher ziemlich interessante Parties ergeben – aber die Faszination für Karnevals-Musik versteh ich einfach nicht.

    Womit wir wieder beim Lokalpatriotismus wären. Ja, der Text macht Sinn. Diesen uramerikanischen Schmelztiegel-Gedanken finde ich grundsätzlich super. Funktioniert halt mal besser und mal weniger gut. Und ich finde es auch schön, wenn eine Stadt mehr als jeweils 1 indisches, 1 chinesisches und 1 griechisches Restaurant im Angebot hat. Genauso, wie ich gerne auch Abwechslung auf meinem Spotify-Account habe. Daher meine Frage: Wieso setzt eine – in meinen Ohren – derart redundante und musikalisch wenig experimentierfreudige Mucke einen gesamten Landstrich so in Wallung? I don’t get it.

    Okay, vielleicht ist es die assoziative Lyrik – das könnte ich zumindest verstehen. Wenn ich es denn besser verstehen würde, könnten mich ganz sicher ein paar Lieder berühren. Ich habe wie gesagt ein großes Herz für Lokalpatriotismus – gar nicht mal nur den der Berliner. Hier sind ein paar von mir gerne und häufig gehörte Songs zu Krefeld, Hamburg, Stuttgart und dem Ruhrgebiet. Die auf Chemnitz hatten wir ja letzte Woche erst.

    Na ja, und wenn ich denn nun schon so intensiv in meiner Erinnerung krame, stoße ich tatsächlich auf einen Jubiläums-Abend eines Berliner Lokals, das sich zur Aufgabe gemacht hat, die rheinische Lebensfreude im allzu miesepetrigen Berlin zu erhalten. Den Link erspare ich mir bewusst – aus Respekt vor der Arbeit meiner geschätzten Freundin Samira. Auf der Bühne: ein walrossbärtiger Sänger mit seiner fröhlichen Kombo, die irgendwas mit Geflügel im Namen tragen. Und die so ein karnevaleskes Lied über Köln gesungen haben. Na ja, und dann habe ich irgendwann halt auch laut mitgesungen, obwohl ich nur von FDP-Anhängern umgeben war. Aber ich hatte auch schon was getrunken, ehrlich! Und es war auch wirklich nur dieses eine Mal… 😉

     

     

  2. Tja, jetzt habt ihr mich am Bein. Das habt ihr nun davon mit eurem Musikblog. Ihr werdet euch nicht vor meinen Kommentaren drücken können, da ich als große Musikfreundin hier wohl auf zwei ebensolche Nerds gestoßen bin und zu einigen eurer Texte sehr gerne meinen Senf dazu geben möchte.

    Vorweg: Ich bin überzeugte Kölnerin, mag diese hässliche Stadt, ihren Fußballverein und ihre Musik.

    Mikka, Du schreibst: „Daher meine Frage: Wieso
    setzt eine – in meinen Ohren – derart redundante und musikalisch wenig
    experimentierfreudige Mucke einen gesamten Landstrich so in Wallung? I
    don’t get it“

    Redundanz – jaaa, textlich wiederholt sich hier einiges, sämtliche Köln-Klischees werden in unseren Hymnen untergebracht, sogar in den Songs junger erfolgreicher kölscher Nachwuchsbands, das geht selbst mir auf die Nerven.

    Musikalisch muss ich dir allerdings vehement widersprechen. Experimeniertfreudig ist man hier wohl, vor allem lässt man sich von jeglicher Musik inspirieren. Sogar die „älteren“ Kölner Bands (Black Fööss, Höhner, Paveier) haben eine große musikalische Bandbreite. Sie bedienen sich aus allen möglichen Richtungen, von Irish Folk bis hin zu Punk. Es gibt Rockbretter und schnulzige Balladen. Und es gibt eben diese Hymnen, die Gänsehautfeeling erzeugen, ganz grandios ist „Do bess die Stadt“ von den Bläck Fööss, sie haben sich dafür das schottische Traditional „Highland Cathedral“ und einen riesigen Dudelsack-Chor besorgt, von dieser Wucht geht einem das Herz auf.

    Brings macht alles vom (leider) billigen Mallorca-Klopper bis zum (gut so!) allerfeinsten Rocksong. Hör dir mal „Bis ans Meer“ an. Das ist definitiv kein Karneval.

    Und jetzt die Jungen. Kasalla, Cat Ballou. Die haben zwar jede Menge Lokalpatriotismus im Gepäck, ja, das könnte in den Texten durchaus weniger sein, dann hätten sie mehr Chancen außerhalb des Rheinlands. Die machen Rock-Pop, mit ein bisschen Reggae sogar und einem Hauch Culcha Candela(die alten!)-Feeling. Komplett kompatibel!

    Querbeat ist eine Brass- und Marching Band, sowas von klasse und bunt und lebendig – die gehören auch nicht auf eine Karnevalsitzung sondern eher zum Summer-Jam.

    Ich bin sowas von froh, dass die Jungen jetzt kommen und die klassische Karnevalsmusik mit ihrem Sound untergraben.

    Und: keine Stadt, noch nicht mal Berlin oder New York, hat so viele Lieder über sich wie Köln. Ich habe mich schon mehrmals damit befasst, gerade letzte Session wieder.

    Ich erlaube mir mal, einen bescheidenen Link hier zu posten.

    http://www.dw.de/wenn-die-k%C3%B6lschen-singen/a-16573412

    Was jetzt noch toll wäre, wäre die Möglichkeit, den einen oder anderen Song außer der Karnevalszeit auch mal im Club zu spielen. Aber da sind selbst die Kölner ziemlich komisch. Das geht tatsächlich nur in ganz speziellen Läden, im normalen Mainstream-Club geht das überhaupt nicht. Außer vielleicht die FC-Hymne. Aber das ist ein anderes Thema.

    • Hallo Silke, hier ein verspätetes Willkommen in unserem Blog. Ich freue mich, dass Du so viele Anknüpfungspunkte für Kommentare finden konntest. Scheu Dich nicht vor ehrlichem Feedback! 🙂

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