8/100: Songs für Liam

Kraftklub (2012)

Kennst Du dieses Gefühl, zufällig ein Lied zu hören, dass Dich vom ersten Moment an nicht mehr loslässt? Einen Song, der mit Dir spricht und sagt: Hör mich an, ich bin für die nächsten drei Minuten Dein bester neuer Freund? Ein Stück Musik, über dessen Urheber Du sofort alles herausfinden möchtest; für das Du einen Moment lang alles, was Du vorher über Musik zu wissen glaubtest, vergessen möchtest? Natürlich schreiben wir bei 100 Songs jede Woche über Lieder, die uns berührt und beeinflusst haben, aber selten habe ich Bands gehört, die aus meiner Sicht auf Anhieb alles richtig machen. Wo ich mich fühle, wie Tom Schilling am Anfang von „Verschwende Deine Jugend“, als er zum ersten Mal DAF in der Hamburger Markthalle erlebt und sofort sein Sparkassen-Azubi-Leben in München umkrempeln will.

Das Problem: Mit zunehmendem Alter habe ich das Gefühl, immer abgeklärter zu werden. Ich bin keiner von diesen Früher-war-alles-besser-Typen. Stattdessen versuche ich bewusst, mir beständig meine Perlen aus dem aktuellen Musikgeschehen herauszufischen. Aber ehrlich: Natürlich komme auch ich immer wieder an den Punkt, an dem ich denke: „Hm, das ist so ähnlich wie XY“. Oder: „ABC würde das aber irgendwie cooler rüberbringen.“ Na klar, von solchen Gedanken ist kaum jemand frei. Daher freue ich mich immer besonders, wenn ich heute noch zufällig einen Song höre, der mich so zum Feiern bringt, dass ich denke: ‚Awesome, die sind so cool – ich möchte mehr von denen hören.‘ Und wenn ich dann zwei, drei weitere Songs finde, die mich ebenso überzeugen, ist das wie ein geschmacksbildender Sechser im Lotto.

brunch

Und so sind wir mitten drin, bei diesen Jungspunden aus dem Osten. Ich weiß noch genau, wann das alles für mich begann, nämlich am 10. April 2011. Auf der Heimfahrt von Ninas sonntäglichem Geburtstagsbrunch, das recht unterhaltsam und sonnig wurde, drehte ich gutgelaunt Radio Fritz – seit gefühlt immer mein Lieblingssender – auf. Im Radio hatte gerade ein Sänger angefangen, völlig überzeugt über Indie-Typen, ihre Dresscodes und ihre Feiergewohnheiten abzulästern. Und zwar so in dieser vom Vice-Magazin etablierten Art: „Ich bin cool und kann jedem einzelnen von Euch genau erklären, warum ihr Scheiße seid. Und übrigens: Wenn Euch das stört, interessiert mich das nicht die Bohne!“. Arrogant und sehr unterhaltsam aus dem scheinbaren Nichts kommend, macht sich die Band einfach mal so breit.

Nun bin ich kein erklärter Indie-Kenner und so fühlte ich mich auch nicht als Opfer seiner Verse angesprochen. Also konnte ich fröhlich grinsend weiterhören, ohne empört umzuschalten. Doch ich sympathisiere durchaus mit dieser musikalischen Schublade und kann zumindest zwei bis drei Dutzend Indie-Hits fast auswendig mitsingen. Jedenfalls habe ich lange genug in der Uni und in Kreuzberg rumgehangen, dass in mir beim Zuhören sofort ein bunter Klischee-Bilderteppich aufleuchtete. Das Kuriose an den wirklich lustig formulierten Ansagen: Während Sänger Felix lautmalerisch und völlig überzeugend über die Hives ablästert, wird er musikalisch von Schrubbelgitarren, Waber-Bass und Schlagzeug auf Schülerband-Niveau begleitet. Ein perfekter Song, der für mich eine völlig neue Perspektive auf das Musikgeschehen aufzeigte. Zuhause angekommen, versuchte ich erstmal, mir mit Hilfe von YouTube diesen neuen Blickwinkel weiter zu erschließen.

Dort stieß ich sogleich auf „Zu jung“ , eine Abrechnung der Spätgeborenen mit ihrer Eltern- und Großeltern-Generation. Dazu dieser Referenz-Rahmen, in dem sich das alles bewegt: Frontmann Felix singt über Philip Roth und Nirvana, im Refrain werden Songtitel von den Beastie Boys bis Soft Cell gleichrangig eingedeutscht und augenzwinkernd zum Feindbild erklärt. Spätpubertäre Abgrenzung at its best. Das wirkt gleich noch etwas phantastischer, wenn man weiß, dass Felix und Bassist Till die Söhne von Jan Kummer sind, der in der DDR eine skurrile Avantgarde-Electro-Band namens AG. Geige mitgegründet hat.

Inzwischen sind bald zwei Jahre vergangen. Vor ziemlich genau einem Jahr erschien endlich das Debütalbum „Mit K“. Von dessen Titel mit der simplen Wahrheit fühlte ich mich auch sofort wieder angesprochen. Denn schließlich hatte ich – und deshalb weiß ich das Datum des First Contacts überhaupt auch nur so genau – meinen ersten Höreindruck zugleich bei Facebook mit der falschgeschriebenen Statusmeldung „Kraftclub hörend zufrieden sein nach einem schönen Tag auf Ninas Balkon…“ allen mitteilen wollen.


Kraftklub — Songs für Liam – MyVideo

Jedenfalls komme ich jetzt endlich zu dem Song, der für mich auch nach einem Jahr immer noch der Beste ist: „Songs für Liam“. Welche besondere Geschichte mich mit Oasis verbindet, erzähle mal an anderer Stelle. Aber diese Titelidee ist in meinen Augen einfach genial: Kraftklub haben ihre Single eben nicht verkaufsfördernd „Wenn Du mich küsst“ genannt – so wie es Ihnen von K.I.Z. in der Sendung „Durch die Nacht“ empfohlen wird. Stattdessen haben sich die Chemnitzer als echte Pop-Nerds bewiesen und in ihren Song den naiv-frommen Wunsch platziert, dass genau die Raufbolden-Brüder, denen wir einige der schönsten Rock-Hymnen aller Zeiten verdanken, wieder in alter Größe zusammenfinden mögen. Und dann in den Strophen wieder Zeile für Zeile die Geschmackskommission für verwirrte Großstadtkinder gegeben: die späten Arctic Monkeys, die heutigen Black Eyed Peas und die letzten Staffeln von „Scrubs“ sind bäh; Mario Barth und Til Schweiger sowieso. Dazu dann die Erklärung ihres – seit dem Raab-Auftritt – vielleicht bekanntesten Songs „Ich will nicht nach Berlin“: Warum eigentlich nicht? Das wird in der Hook erklärt. Und wer das Album aufmerksam durchhört, erfährt ganz zum Schluss in dem für mich zweitschönsten Kraftklub-Song, warum es so schrecklich ist, wenn die Freunde die Heimat verlassen. Scheißegal, ob das alles stimmt oder nicht, wie gerne sie nun in Wirklichkeit in Berlin sind oder nicht. Ich möchte Kraftklub ohne Nachdenken alles glauben.

live

Im September 2012 hatte ich das Glück, die Band während des Berlin Festivals auf der großen Bühne des Flughafens Tempelhof zu erleben. Umrahmt von einer beeindruckenden Rosinenbomber-Deko, in der einen Tag zuvor (wie passend) die Killers live abgelost hatten, motivierten diese fünf schlacksigen Kerle aus einer der trostlosesten Gegenden des Landes das normalerweise schnell gelangweilte Hauptstadt-Publikum zu Höchstleitungen. Felix wirbelte wie ein junger junger Iggy Pop über die Bühne und zuppelte an seinen Hosenträgern wie ein wütender Ska-Sänger. Ich, ein gebürtiger Westberliner, hörte mich völlig euphorisch folgende Zeilen mitgröhlen: „Ich komm aus Karl-Marx-Stadt / bin ein Verlierer, Baby / Original Ostler“.

Kraftklub sind mit Abstand die coolste deutsche Rockband seit der Wiedervereinigung. Authentisch und lustig. In besagtem Song „Karl-Marx-Stadt“ spielt die Band einige der lustigsten Zeilen, die ich je gehört habe: „Ich bin nicht mal cool / In einer Stadt, die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools / Ich cruise Banane essend im Trabant um den Karl-Marx-Kopf / die Straßen menschenleer und das Essen ohne Farbstoff.“ Dazu diese völlige Egal-Haltung – weder gekünstelt-aufgesetzt, noch hasserfüllt. Einfach sympathisch-gut.

Kraftklub haben es geschafft, das Gestern und Heute zu einer perfekten Melange zu vermischen. Ost oder West, gut oder schlecht, Länderfinanzausgleichszahler oder Subventionsempfänger, Rap oder Rock, Hansa Rostock oder St. Pauli, barfuß oder Lackschuh – all das spielt beim Hören ihrer Lieder keine Rolle mehr. Mir haben sie als Enddreißiger jedenfalls noch einige neue „Erste Male“ geschenkt. Danke.

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ob ich solche Momente kenne? Aber hallo. Bei „Allein Allein“ ging es mir so. Oder bei „Miami 2 Ibiza“ von Tinie Tempah, um mal ein paar jüngere Beispiele zu nennen. Und ja: Mit Kraftklub auch. Aber nicht mit „Songs für Liam“. Mich hat „Ich will nicht nach Berlin“ aufgeschreckt.

    Auch bei mir war es eine Autofahrt: Ich war an einem Dienstagabend nach dem Hallenfußball im Auto unterwegs, als der Song auf 1Live langsam Fahrt aufnahm. Anfangs war ich noch skeptisch: Die ersten Sekunden – insbesondere der Tempowechsel – klangen für mich doch sehr nach Franz Ferdinand oder deren Epigonen. Aber als die ersten Textzeilen aus dem Autolautsprecher kamen, drehte ich dann doch lauter. Und dann der Refrain, der mir aus der Seele sprach…

    Über die Playlist des Senders habe ich dann rausgefunden, von dem der Song war und bin dann auf das Video gestoßen. Der Rest war mit ein paar fiebrigen Klicks zusammengesucht. Gern hätte ich via Facebook und Twitter meine Begeisterung rausgeschrien. Hatte aber Sorge, dass meine Kollegen mich falsch verstehen könnten. Und hielt darum erstmal die Klappe.

    Dass Du als (Ur-)Berliner meine Songpräferenz nicht unbedingt teilst, ist ja irgendwie nahe liegend. Ich als Landei war von „Ich will nicht nach Berlin“ hingegen gleich begeistert. Mit ihrer Größe, ihrem Sog und ihrer Relevanz geht mir die Stadt seit einiger Zeit schon auf den Keks.

    Das war nicht immer so. Bei Klassenfahrten und vielen anderen Gelegenheiten war ich noch beeindruckt. Mein erstes Depeche-Mode-Konzert? In Berlin. Flohmärkte mit genau den Vinyls, die ich schon lange gesucht habe? In Berlin. Mein Lieblings-Inder? In Berlin.

    Wenig verwunderlich: Gerade meine ersten Aufenthalte Ende der Achtzigerjahre waren prägend. Besonders beeindruckt hat mich eine Autofahrt im Auto meiner damaligen Gasteltern. Wir fuhren spät abends (gefühlt) Stunden lang über Autobahnen und waren immer noch in derselben Stadt. Eine andere Frage, die mich seit 1986 beschäftigt: Gibt es eigentlich oben im Europa Center (noch) eine Disco? Für uns Provinzler, die wir uns auf der Budapester Straße den Nacken gen Himmel verrenkten, sah es damals immer so aus, als blinkten dort oben Lichtorgeln. Kilometerlange Autobahnen und eine Tanzfläche über der Stadt: Wahnsinn, dieses Berlin.

    Und auch bei meinen Love-Parade-Besuchen 1996 und 1998 fühlte ich mich immer gut aufgenommen von der Stadt. Ich mochte die sich daraus ergebende Wahrnehmung, dass in Berlin alles möglich ist. Du willst rumlaufen wie ein Müllmann und dich trotzdem wohlfühlen? Dann los. Du willst einen Club aufmachen? Nagel ein Schild an die Tür und sag‘ ein paar Leuten Bescheid. Und wenn der Laden dicht gemacht wird? Dann nimmst du dein Schild mit und gehst woanders hin.

    Aber irgendwann waren Berlin und ich nicht mehr auf einer Wellenlänge. Oder vielleicht ist es eher so, dass ich mit den Menschen, die in inzwischen Berlin wohnen, nicht mehr auf einer Wellenlänge bin? Oder liegt es an mir? Wie auch immer: Unsere Verbindung ist gestört. Was ich einst super fand, nervt mich inzwischen – etwa die großen Entfernungen. Fand ich einst den Antrieb vieler Menschen bewundernswert, kommt er mir heute eher aufgesetzt und beliebig vor. „Ich habe da gerade so n‘ Projekt – super! Noch nichts Konkretes, aber sehr geil. Businessmäßig hab ich mich da noch nicht festgelegt. Irgendwas im Creative-Bereich – Auf jeden Fall!“ Da hat jemand genau meine Vorurteile in Worte gefasst.

    Ich stellte mir nach dem ersten Hören von „Ich will nicht nach Berlin“ die Frage, ob Kraftklub insbesondere das textliche Niveau auf anderen Songs würden halten können. Die Antwort bekam ich einige Wochen später: Bei Ausgrabungsarbeiten in den Wühlkisten eines Plattenladens lief „Mit K“ auf der Anlage. Ich konnte während des Hörens kaum Schwachstellen auf der Platte ausmachen. Alles sehr stimmig, wunderbar beobachtet, treffend erzählt und mit den richtigen Assoziationen verknüpft. Ich verstehe darum auch, dass dir „Songs für Liam“ gefällt. Aber vielleicht verstehst du jetzt auch, warum ich „Ich will nicht nach Berlin“ besser finde.

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