7/100: Enjoy The Silence

Depeche Mode (1990)

depeche_silence

Wer mein Autorenprofil gelesen hat oder das zweifelhafte Vergnügen hat, mich näher zu kennen, weiß, dass dieser Moment früher oder später kommen musste. Warum also unnötig hinauszögern: Hier ist er also – der Depeche Mode-Song, von dem ich überzeugt bin, dass man ihn kennen sollte.

Dass ich Depeche Mode möglichst früh im Blog unterbringen will, hat auch noch einen anderen Grund: In den kommenden Wochen wird ein neues Album der Band erscheinen. Ich bin skeptisch: Was ich bislang über die LP gehört habe, ist eher beunruhigend. Vor dem Hintergrund der eher mediokren „Sounds Of The Universe“ (2009) und der fan-verachtenden Veröffentlichunspolitik von „Remixes 2: 81-11“ könnte eine weitere Enttäuschung durchaus dazu führen, dass ich Depeche Mode aus Trotz gar nicht mehr in diesem Blog würdigen will.

Aber so weit ist es ja noch nicht. Darum stand ich jetzt vor der Herausforderung, mich für „100 Songs“ für einen Titel zu entscheiden. War gar nicht so leicht: Schließlich könnte ich locker einen Blog vollschreiben, der „5000depechdemodesongs.de“ heißt. Oder „1000depechemoderemixes.de“. Die Auswahl an fantastischen Songs ist riesig. Die kritische Distanz immer noch verhältnismäßig gering. Wie also vorgehen?

Engel links
Mein erster Gedanke: „Mach‘ es Dir leicht und nimm einfach ‚Enjoy The Silence‘. Hey, der Song bringt vieles mit, was einen Depeche Mode-Song ausmacht: wunderbarer Refrain, hohe Emotionalität und ein schönes Arrangement, das Gitarre und Elektronik wirkungsvoll miteinander verbindet. Was kann man da schon falsch machen?“ Zumal ich dazu auch diese Anekdote aus meiner späten Jugend erzählen könnte:

Zum ersten Mal gehört hatte ich „Enjoy the Silence“ im Dezember 1989. Depeche Mode waren zu Gast bei „Peters Pop Show“ und spielten „Personal Jesus“. Zu meiner Überraschung gaben sie im Anschluss gleich noch einen zweiten Song zum besten, dessen Intro ich nicht sofort zuordnen konnte. Es hat bis zur Einblendung des Titels, „Enjoy The Silence“, gedauert, bis mir klar wurde: Das hier ist neu. Es hat aber nicht bis zum das Ende des Titels gedauert, bis ich wusste: Das ist ein Monster-Hit.

Klar, dass ich am nächsten Werktag die Plattenläden meines Vertrauens anfuhr, um die Single zu kaufen. Zu meinem Bedauern erfuhr ich, dass der Release noch acht Wochen auf sich warten lassen würde. Um kurz danach auch noch festzustellen, dass ich den Veröffentlichungstag der Single und die darauf folgenden zehn Tage mit meiner Bundeswehrkompanie in einem Übungscamp – oder wie das damals hieß – eingeschlossen sein würde. Selbst wenn es dort, inmitten der Lüneburger Heide einen Plattenladen gegeben hätte, ich wäre niemals vom Gelände der Kaserne runtergekommen. Und einen Plattenspieler hätte ich dort auch nicht mit hin nehmen können.

Zum Glück bot mir ein Freund an, die Maxi gleich am Erscheinungstag zu kaufen, sie auf Kassette aufzunehmen und mir das Tape in die abgeschlossene Einöde hinterherzuschicken. Und so kam es, dass ich am Ende eines langen Tages hinterm Steuer eines Schützenpanzers „Marder“ in versiffter Uniform auf einem Pritschenbett lag (um mich herum mehrere recht unromantische Typen) und mit meinem Walkman wieder und wieder „Enjoy The Silence“ hörte. So konnte ich die Tage überbrücken, bevor ich auch selbst die Platte kaufen konnte.

Teufel rechts
Mein zweiter Gedanke war: „Du kannst für ‚100 Songs‘ nichts aus der ‚Violator‘-Ära nehmen.“ Zugegeben: Die Zeit, in der das Album rauskam, war für uns Achtziger-Kinder schon cool: Führerschein, Clubbesuche, Mauerfall, Abi-Partys, Alan Wilder war noch in der Band, Urlaube ohne Eltern, Besuche in Großstädten. Was mich abschreckt: Wenn ich heutzutage auf DM-Konzerten oder in den einschlägigen Online-Foren unterwegs bin, beschleicht mich das Gefühl, dass viele Fans an dieser Zeit unbedingt festhalten wollen und dies mit einer „Seit ‚Violator‘ ging es mit DM langsam bergab“-Haltung zum Ausdruck bringen.

Sie rufen bei Konzerten die Tracklist des Albums rauf und runter, in der Hoffnung, die Band würde dies der alten Zeiten wegen berücksichtigen. Sie suchen auf jeder neuen LP ein „Enjoy The Silence“. Sie kleben sich in ihre Neuwagen die von Anton Corbijn entworfene Rose auf die Heckscheibe, so wie sie es vermutlich bei ihrem Golf II schon gemacht haben. Und wünschen sich bei jeder Gelegenheit, Alan Wilder käme zurück.

Genau so wollte ich meinen Blogpost auf keinen Fall verstanden wissen. (Zumal „mein“ prägendstes Album „Songs of Faith & Devotion“ war. Der Lärm, der Rock, der Exzess. Das war meine LP.) Als Abgrenzungsreflex zur „Violator“-Zuordnung habe ich ernsthaft daran gedacht, „Wrong“ auszuwählen, die erste Single vom bislang letzten Studioalbum, „Sounds Of The Universe“.

Der Song ist der komplette Gegenentwurf zur heilen Welt von „Enjoy The Silence“. Er berührt mich emotional mindestens genau so. „Wrong“ ist textlich wunderbar konstruiert, das Video ein Hammer. Ehrlich. Und auch hier hätte ich eine Weltpremierengeschichte zu erzählen gehabt: Als Depeche Mode „Wrong“ beim Echo 2009 erstmals einem größeren Publikum vorstellten, hatten wir Gäste zu einer Karnevalsparty. Da wollte ich nicht den ganzen Abend den Fernseher laufen lassen, um auf den DM-Auftritt zu warten. Vielleicht wollte ich auch den Moment, ein ganz neues DM-Lied zu hören, für mich alleine haben. Wie auch immer: Um 2.30 Uhr morgens, als die Gäste gegangen waren, wurde ich bei Youtube fündig, weil zahlreiche Fans den Mitschnitt unmittelbar nach der von mir verpassten Ausstrahlung hochgeladen hatten. Und lernte: Depeche Mode können bei mir auch in einem Format von 560 mal 315 Pixel einen emotionalen Flash auslösen. Sogar wenn ich dazu auch noch ein Karnevalskostüm trage.

Raus aus der Zwickmühle
Nun, nachdem ich zahlreiche andere Herangehensweisen ausprobiert habe, bin ich offensichtlich ich zu meinem ersten Gedanken zurückgekehrt. Ganz nüchtern betrachtet ist „Enjoy The Silence“ einfach repräsentativer für das, was ich an DM so schätze. Und wer sagt eigentlich, dass ich mich bei „100 Songs“ auf lediglich einen Depeche Mode-Song beschränken muss? Aber schauen wir erstmal, was die neue Platte bringt.

11 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Kennst Du diese Videos mit den „misheard lyrics“, die seit ein paar Jahren bei YouTube regelmäßig die Runde machen? Der Name verrät es bereits: Bei diesen Clips werden die Lautmalereien möglichst fremdländischer Songs mit deutschen Worten untertitelt und teilweise recht unterhaltsam bebildert. Beim Lachen muss man zwar aufpassen, dass man sich nicht automatisch einem semi-rassistischen Mob anschließt, der diese Videos netzüblich geschmacklos kommentiert. Doch solche falsch verstandenen Texte verbinde ich haufenweise mit meinen ersten Höreindrücken von Depeche Mode-Hits: Zum Beispiel „Itsalat – Itsalat, leik leik“. Es musste ja nicht immer alles Sinn ergeben…

    Wenn ich zurückdenke an die früheste Phase meines autodidaktischen „Popmusik-Studiums“, sind da immer Dave, Martin & Co. Ziemlich genau im Herbst 1986 gab ich das erste Mal mein Taschengeld für die Bravo aus – und musste mich noch an der Ampel vor dem Zeitungsladen von Sascha dafür verarschen lassen. Er stichelte, dass ich jetzt wohl versuchen würde, erwachsen zu werden. Sascha – muss man erklären – war in mancher Hinsicht etwas frühreif: Während ich mit neun oder zehn Jahren noch am Liebsten die Lustigen Taschenbücher las, studierte er schon längst die damals offenbar wichtigsten in der Bravo verhandelten Themen: die UFO-Theorien von Erich von Däniken oder die praktischen Auswirkungen zur Kontaktaufnahme zum Jenseits mittels Laien-Séance.

    Sascha war dabei aber keineswegs nerdy, sondern einer der Coolen in der Klasse: Mit elf einen Stecker im Ohr (Die Parole lautete: „Links ist cool, rechts ist schwul…“) und eine schwarze Rocker-Lederjacke im Schrank, ähnlich der, die Dave Gahan gerne trug. Entsprechend kannte er natürlich alle wichtigen Popmusik-Themen: den Coolness-Vergleich von A-ha mit Duran Duran, der später vom Beef zwischen A-ha- und Bros-Fans abgelöst wurde. Die dabei „vermittelnde“ Instanz? Na klar, die Bravo. Wenn ich es recht bedenke ist das die BILD meiner Teenie-Jahre.

    Jedenfalls waren bei diesen Fan-Streitigkeiten Depeche Mode immer außen vor. Ein interessanter Spagat: Sie waren regelmäßige Posterboys, ohne jemals ihre Kredibilität bei der „erwachsenen“ Hörerschaft zu verlieren. Eines meiner ersten Bravo-Poster war Andrew Fletcher im DIN A4-Format, weil der denen wohl grade ein Interview gegeben hatte. Er hing bei mir anfangs völlig harmonisch neben Den Harrow, den Ärzten und Europe (nein, hier wird nicht „The Final Countdown“ verlinkt). Damals machte ich mir wenig Gedanken über Szene-übliche Abgrenzungsmechanismen –  alles, was ich halbwegs im Radio erkannte und mitsummen konnte, wurde in der wöchentlichen Pop-Postille optisch identifiziert und an die Wand gehängt.

    Wenn ich über diese Zeit nachdenke, kommt es mir vor, als hätte ich irgendwelche Vorkriegsjahre miterlebt: Während ich das hier schreibe, läuft bei Spotify eine zufällig angeklickte Depeche Mode-Playliste mit den großen Hits. Für zehn Euro im Monat kann ich das Gesamtwerk legal streamen und irgendwelche 3.000 Titel sogar offline auf mein iPhone laden und mit ins Ausland nehmen. Neben der Originalversion von „Enjoy the Silence“ habe ich fünf Remix-Versionen zur Auswahl. Bestimmt alles wichtige Whitelabels, die Du lange gesucht hast. Ich Banause habe die Remix-Liste aber gleich wieder weggeklickt.

    Bis Anfang der 90er machte ich das mit der Musikaneignung wie alle anderen Fans auch: Ich verbrachte fast jeden Nachmittag mit einer Leerkassette im Anschlag vor dem Radio und versuchte die „richtigen“ Songs zu erwischen. Wenn ich auf einen bestimmten Titel wartete, konnte das viele Nerven kosten, wenn er dann nach Stunden endlich gespielt wurde, aber meine Konzentration inzwischen nachgelassen und ich mich zu weit vom Tapedeck entfernt hatte. So trainierte ich täglich Hechtsprünge zur Anlage. Die Soundqualität? Reden wir nicht drüber. Soll mir mal keiner was von Verlust der Klangqualität bei MP3s erzählen. Wer fünf Mal eine Chromdioxid-Kassette überspielt hat, weiß, was ich meine. Natürlich fehlten bei Radio-Mitschnitten auch immer die ersten paar Takte – was aber immer noch besser war, als zu früh auf „Record“ zu drücken. Dann hatte ich nämlich irgendeinen Moderator auf dem Tape, dessen Worte für die nächsten paar Monate unausweichlich mit dem Song verschmolzen waren, wenn ich diese Kassette im Walkman abspielte.

    In den Sommerferien 1988 zogen meine Eltern ins Grüne nach Zehlendorf. Natürlich fiel die übliche Ferienreise in diesem Jahr aus. Weil die meisten meiner Freunde nun eine gute Stunde entfernt in einer völlig anderen Welt wohnten, musste ich mich allein beschäftigen. Also radelte ich in meine neue Stadtteil-Bücherei und lieh mir alle Musikkassetten aus, deren Cover mir gefielen. Und da die neuesten Veröffentlichungen immer mit langen Wartelisten versehen waren, wühlte ich mich zwangsläufig durch den Mid-Eighties-Back-Katalog  der Gottfried-Benn-Bibliothek. In dieser Zeit wurden „Construction Time Again“, „Some Great Reward“, sowie „Black Celebration“ gute Freunde von mir. Und da mein englisch noch nicht ganz ausreichte für komplette Übersetzungen, summte ich also fröhlich Texte von Schwarzen Messen, SM-Spielchen und Vertragsabschlüssen in Korea vor mich hin. Depeche Mode – das waren einfach coole Typen mit guten Melodien und einem Sound, der meine Boxen und die Nerven meiner Eltern ordentlich strapazierte. Also perfekte Musik für einen Halbwüchsigen.

    Das empfand auch die Mehrheit meiner neuen Schule so: Depeche Mode waren schon wieder Konsens – die Yuppie-Fraktion mochte sie ebenso, wie die Öko-Tussen und natürlich die zwei Gruftie-Mädchen unseres Jahrgangs.

    Ich besitze nur ein einziges DM-Album auf CD,
    doch bis „Songs of Faith and Devotion“ kann ich eigentlich alle Hits mitsingen. Und immer wenn sich unsere Wege bei MTV kreuzten, weil sie ein neues Video auf Rotation schickten, blieb ich dabei. Witzigerweise ist der Clip zu „Enjoy the Silence“ aber eines der wenigen Videos von DM, das mir sofort vor Augen ist. Die meisten ihrer Songs funktionieren dagegen perfekt ohne mitgelieferten Bilder-Teppich. Doch Dave Gahan mit seinem Hermelin-Mantel, der Krone auf dem Kopf und dem Klappstuhl unterm Arm durch Naturgewalten flanierend – diese Bilder bleiben fest in der kollektiven Erinnerung verankert. Auch wenn der Clip meiner Ansicht nach keine besonders avantgardistische Video-Arbeit war, wenn man ihn beispielweise mit den Clips der von mir sehr verehrten Pet Shop Boys aus dieser Zeit vergleicht.

    Jedenfalls blieben DM und ich die nächsten Jahre über gute Freunde. Wie bereits erwähnt waren sie nie meine Ultra-Heroes. Doch ich kenne haufenweise Leute, die bis heute jedes erreichbare Konzert besuchen und gefühlt alle Touren seit „101“ miterlebt haben. Es gibt ja viele Erklärungsansätze dafür, warum Depeche Mode in Deutschland spätestens seit den 90er Jahren so erfolgreich sind, dass ständig irgendwo „Mode-Parties“ plakatiert werden, die dann offenbar auch sehr gut besucht sind. Vielleicht liegt es an der Mauer-Nostalgie, unter deren Einfluss die Welthits auf „Some Great Reward“ in den Berliner Hansa-Studios aufgenommen wurden. Vielleicht auch daran, dass DM zu dem äußerst übersichtlichen Angebot von West-Bands auf dem DDR-Label Amiga zählen. Jeder hat seine eigenen Gründe, Depeche Mode zu mögen.

    Sicher ist: Sie sind absolute Pop-Heroes und ich kann sehr gut verstehen, wie schwer es für Dich war, Dich auf einen Hit zu reduzieren.

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  10. *Witzig.. Ich bin mit DEPECHE MODE Musik aufgewachsen und das über viele Jahre bewusst und unbewusst. Als wir 1990 MTV bekamen, war ENJOY THE SILENCE ein Dauerbrenner auf MTV und den Song musste ich mir quasi anhören. Als meine älteren Geschwister in der Schule waren und ich noch unregelmäßig in den Kindergarten ging und mein Vater arbeitete, waren meine Mama und ich alleine. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich 1990 das Video zu Master and Servant gesehen habe. Mir kamen DM vor wie eine Gruppe böser, frecher Buben. Enjoy the Silence ist wohl ein Song, der Generationen und viele unterschiedliche Menschen verbindet. Nicht umsonst war er DMs einziger Top 10 Hit in den USA (haben trotzdem 11,5 Millionen Alben dort insgesamt verkauft) aber ihr einziger Top 10 Hit eben. Ich kenne keine einzige Person, die den Song hasst. Sogar meine erwähnten Geschwister, mit denen ich nix gemeinsam habe, finden den Song gut. 

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