6/100: Hallelujah

Jeff Buckley- Hallelujah from Lizawati Md. Ta'at on Vimeo.

Ein paar Tage vor dem 11. September 2001 habe ich mich unsterblich verliebt. Das ist für mich bis heute die einzige Erklärung dafür, dass ich mich an diesem Dienstag – kurz nach dem Einschlag der Boing 767 in den Nordturm des World Trade Centers – erst einmal schlafen legte, um mein bevorstehendes Interview mit Susan Sontag an dem selben Abend neu zu durchdenken. Während die Welt nun einen dieser Momente erlebte, von dem bis heute jeder weiß, wie er diese Nachricht damals erfahren hatte, schützten mich meine persönlichen Glücksgefühle vor allen Weltuntergangs-Ängsten. Vielleicht war es auch nur eine merkwürdige mentale Schockreaktion. Jedenfalls ging ich nach dem Power Nap wieder an die Arbeit – und musste feststellen, dass die New Yorker Schriftstellerin an diesem Tag natürlich anderes zu tun hatte, als Interviews zu geben.

Kurz danach war ich zu einer Kunstperformance im Steglitzer Kreisel eingeladen. Das ist ein bauskandalumwittertes, asbestbelastetes Hochhaus im Berliner Südwesten. Die Veranstaltung war als Panorama-Lesung in der 26. Etage unter dem Titel „Selbstmörder Wettbewerb“ angekündigt. Die Zuschauer sollten aus den Fenstern blicken und dabei Schauspielern beim Vortragen der Geschichte lauschen. Der Titel des Abends basierte auf einem gleichnamigen Text des Allround-Künstlers Johannes Ilmari Auerbach aus den 20er Jahren. Doch natürlich waren drei Tage nach dem Terroranschlag weder Ensemble noch Zuschauer bereit für eine Geschichte über einen verrückten Milliardär und seinen Suizid-Contest. Also wurden betont ökumenisch Bibelverse, Suren aus dem Koran und allerlei andere friedliche Glaubensbekenntnisse der Weltreligionen verlesen. Irgendwann gingen den Schauspielern die Texte aus und es wurde Musik gespielt. Während ich also zum ersten Mal „Hallelujah“ bewusst hörte, blickte ich aus dem Fenster und sah, wie die Sonne langsam über dem Grunewald unterging. Während die Fenster einen kilometerweiten Blick nach Außen frei gaben, öffnete der Song den Blick in die Weiten meines Inneren. Nur manchmal wurde die Sicht von einem in Tegel startenden Flugzeug gestört.

Welche Version sie damals gespielt haben, weiß ich gar nicht mehr so genau. In Erinnerung geblieben ist mir aber die unglaubliche Energie, die in diesem Moment von dem Song ausging. Und wenn ich mich im Netz so umsehe, betonen auch viele andere Rezensenten immer wieder diese wellenhafte Kraft der Komposition. Man muss kein Musikwissenschaftler sein, um die universelle Wirkung einer C-Dur Komposition zu verstehen. Das hat von John Lennon bis Van Halen gut funktioniert. Jedenfalls beschreiben Rezipienten ihre Stimmungen beim Hören von „Hallelujah“ durchweg als besonders intensiv. Das Spektrum reicht von tieftraurig bis herrlich triumphierend. Es scheint fast so, als habe Leonard Cohen in dieser Komposition 1984 tatsächlich diesen einen gottgefälligen „geheimen Akkord“ gefunden, den er in seiner Dichtung besingt.

Wer sucht, findet Hunderte von Cohen-Coverversionen. Mein Favorit ist Jeff Buckleys Interpretation. Buckley schafft es, fast sieben Minuten lang eine einzigartige Spannung aufrecht zu erhalten. Und zwar so sehr, dass für manche Rezensenten plötzlich die implizierte Sexualität der zweiten und vierten Strophe im Vordergrund steht.

Auch die internationale Gemeinde der Film- und Fernsehschaffenden hat den Schuss natürlich längst gehört und bedient sich gerne an Buckleys Version. Besonders eindrucksvoll gelingt die Verwendung als Meta-Ebene in der Auftaktfolge der zweiten Staffel von „Dr. House“. Dort drängelt sich der mürrische Medikus wie üblich rücksichtslos in einen aussichtslosen Fall hinein. Seine Herausforderung: Er will die Krankheitsursache eines Todeszellen-Insassen – gespielt von LL Cool J –entschlüsseln und kommt am Ende natürlich zu einer genial-abwegigen Diagnose. Genauso wichtig ist auch der parallele Erzählstrang. Darin versucht seine Assistentin Allison Cameron alles, um das Husten einer Patientin als etwas anderes als das Symptom eines Lungenkrebses zu identifizieren.

Doch House hat die Unausweichlichkeit der Diagnose längst erkannt und nötigt sie, der Patientin die Wahrheit zu sagen. Gleichzeitig hat er großen Spaß daran, an seiner Mitarbeiterin die fünf Phasen des Kübler-Ross-Modells zu beobachten. So wie es die Schweizer Sterbeforscherin vorhergesagt hat, durchläuft Cameron in der 45-minütigen Folge die Phasen „Denial“ – „Anger“ – „Bargaining“ und „Depression“. Erst ganz am Ende kann sie konzedieren, dass sie ihrer Patientin sagen muss, dass diese nur noch sechs Monate zu leben hat – womit House auf seiner Tafel schließlich auch den Begriff „Acceptance“ abhakt. Just als der Zuschauer die Parallelität beider Fälle – die psychologische Komponente – realisiert, setzt Buckleys E-Gitarre ein und bringt den TV-Medizinern endlich den ersehnten Frieden. Und mir immer wieder eine erlösende Träne.

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Das scheint ja hier zu einer Tradition zu werden, dass Du mir zuvorkommst. Erst bei The Smiths  – und jetzt auch noch mit „Hallellujah“. Denn auch den Song hatte ich auf meiner Liste. Auch in der Version von Jeff Buckley. Zum einen natürlich, weil sie so wunderschön ist. Zum anderen, weil mein Zugang zu Leonard Cohen maßgeblich von Coverversionen geprägt ist.

    Mein erstes „Zusammentreffen“ mit dem kanadischen Singer/Songwriter war eher schwierig und traumatisch (dazu in einem späteren Posting mehr). Erst Jahre später hat Jennifer Warnes mir den Eindruck vermittelt, dass es sich doch lohnen könnte, sich noch einmal mit Leonard Cohen zu befassen. Warnes (ja, genau die) hatte 1987 mit „Famous Blue Raincoat“ ein Album voller Cohen-Covers aufgenommen. Besonders die erste Seite mit „First We Take Manhattan“  und „Famous Blue Raincoat“ hatten es mir angetan. Viele Jahre später kaufte ich mir dann bei Music Rebel in Köln (inzwischen nur noch online) dann doch meine erste Cohen-Platte: „Greatest Hits“ von 1975. Und fand darauf mit „Suzanne“, „The Partisan“ und eben „Famous Blue Raincoat“ einige meiner Alltime-Favs. „Hallelujah“ war nicht mit dabei – der Song wurde ja erst „1984“ veröffentlicht.

    Darum ist mir „Hallelujah“ zum ersten Mal mir im Soundtrack von „Die fetten Jahre sind vorbei“  zu Ohren gekommen. An die Szene kann ich mich nicht mehr erinnern, aber offensichtlich hat sie mich beeindruckt. Meine Recherchen ergaben: Im Film wird der Song von einem Künstler namens Lucky Jim gesungen, der mir zuvor und seitdem nicht mehr unter gekommen ist. Ich war sehr erstaunt, als ich im Booklet las, dass „Hallelujah“ ursprünglich von Leonard Cohen stammt.

    Die Version von Lucky Jim ist in der Herangehensweise schon ein wenig wie die von Jeff Buckley angelegt: sehr reduziert, allerdings mit Klavier und nicht mit Gitarre. Vom Arrangement her gefällt sie mir immer noch besser als das Original. Gegen die Version von Jeff Buckley aber kann sie nicht anstinken.

    Mit Jeff Buckley hatte ich mich nie wirklich beschäftigt. Sein Album „Grace“ hatte ich mir zum Zeitpunkt der Veröffentlichung – trotz engagierter Empfehlungen einer Kommilitonin – nie angehört. Und so hat es bis 2007 gedauert, dass ich Buckleys Fassung von „Hallellujah“ zum ersten Mal gehört habe. Ich habe sofort nachvollziehen können, warum diese Fassung so sehr geschätzt wird. Trotz der sparsamen Instrumentierung ist er wahnsinnig intensiv. Bei aller Intensität ist er aber nie pathetisch. Ein Meisterstück, das vermutlich durch den den frühen Tod Buckleys noch tragischer wirkt. Für den Sommer 2007 war „Hallulujah“ mein Song: Er lief immer spät abends auf meinem iPod, wenn ich ich meine kleine Tochter in den ersten Wochen nach ihrer Geburt durch die Wohnung getragen habe, damit sie einschläft.

    Nun könnte man meinen, dass man bei einer solchen Vorlage, wie Leonard Cohen sie geliefert hat, eigentlich nichts falsch machen könnte. Der tolle Text, die ergreifende Melodie… Bono von U2 hat es dennoch geschafft. Auf der an misslungenen Cohen-Interpretationen nicht gerade armen Zusammenstellung „Tower Of Song“ (auch ein gewisser Martin L. Gore bekleckert sich nicht mit Ruhm), die 1995 erschienen ist, ist sein Beitrag der absolute Tiefpunkt.

    Und noch eine weitere weniger gelungene Cover-Version sollte hier noch erwähnt werden. Einfach, weil der Griff ins Klo so überraschend ist: Blumfeld haben sich 1998 an „Hallellujah“ versucht, als B-Seite für „1000 Tränen tief“. Und während sie „The Law“ – einen anderen Cohen-Song – großartig interpretieren, ist „Hallellujah“ eher eine Enttäuschung. Wobei: Es wird wahrscheinlich ohnehin nie eine schönere Version geben als die von Jeff Buckley.

    P.S.: Es muss ja nicht immer „Hallellujah“ sein…

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