4/100: Easy

Cro (2011)

Es ist sehr schwierig, etwas über einen aktuellen Chartbreaker-Act zu formulieren, das in den letzten Monaten noch nicht über ihn geschrieben wurde. Cro kam quasi aus dem Nichts und ging – dank Jan Eißfeldts Facebook-Empfehlung und dem ultimativen YouTube-Video durch die Decke.

Auch in der realen Welt wurden 150.000 Tonträger eines Songs, den man bereits vier Monate lang kostenlos legal im Web downloaden konnte, verkauft. Das ist meines Erachtens schon einen kleinen Text wert, auch wenn ich den Song zwischenzeitlich wirklich nicht mehr hören konnte.
Cro ist inzwischen Konsens geworden. Selbst das ZDF und die BILD haben verstanden, ihn nahezu fehlerfrei in den historischen Rapmusik-Kontext des neuen Jahrtausends einzuordnen. Die Panda-Maske, das genial gechoppte Sample, der Gegenentwurf zu Gangsta-Rap, das Video mit den schönsten Mädchen Baden-Württembergs – Cro bietet einfach sehr viel Anknüpfungspunkte. Den Text können Kindergarten-Absolventen mitsummen und ältere Semester glauben, dank Cro ihren Nachwuchs besser zu verstehen.

Viele Rezensenten erklären den Hype um den Stuttgarter Newcomer sinngemäß mit den Worten: „Die Zeit war einfach reif für ihn“. Szenekenner wie der Royal Bunker-Gründer Marcus Staiger bescheinigen Cro anstandslos Cohones. Und das will bei Staiger (übrigens ein Berliner Schwaben-Exilant)einiges heißen. Schließlich war er doch vor zehn, zwölf Jahren angetreten, um den leichten Spaß-Rap aus Hamburg und Stuttgart zu versenken, um den Boden für die harte Berliner Schule zu bereiten. Was ja für eine Dekade auch irgendwie gelang.

Doch jetzt darf Rap wieder Spaß machen. Wenn man einen Kompass bieten möchte, dann heißen die US-Vorbilder der neuen Leichtigkeit Mac Miller und Wiz Khalifa. Gerne wird Cro auch gerne mal mit Tyler the Creator oder A$AP Rocky verglichen. Was bis auf das ungefähr gemeinsame Alter und die Vorliebe für ultra-limitierte Streetwear eigentlich Quatsch ist.

Gerne wird auch von Cro als Vertreter der Generation Web 2.0 gefaselt, die inzwischen volljährig sei und über ihre Netz-Weltsicht stylen und reimen, provozieren und um Anerkennung suchen dürfe. Cro ist auch zur Projektionsfläche geworden. Für mich ist „Easy“ erst mal ein Sommerhit zur falschen Zeit, denn er wurde im November veröffentlicht (insofern passt auch eine Rezension zu Weihnachten total ins Schema…). Die Resonanz war sofort riesig – sofern YouTube-Klicks und Facebook-Likes heute als ernstzunehmende Maßeinheit gelten dürfen. Genau das behaupten ja zumindest alle, die sich irgendwie mit der untergehenden Musikindustrie auszukennen scheinen: Auch wenn keiner so richtig weiß wie viel Geld erfolgreiche Channel-Besitzer mit YouTube-Werbebannern verdienen – im Jahr 2012 gilt so ein Statement einfach mal als common knowledge.

Jedenfalls dreht sich der Klick-Zähler unter Cros Video immer noch monatlich im Millionenbereich weiter – und ein Ende ist auch fast ein Jahr später nicht abzusehen. Plötzlich gilt ein ehemaliger Grafiker der Stuttgarter Zeitung als Rap-Hoffnung. Das ganze Frühjahr 2012 hat er – lediglich mit einem Mixtape bewaffnet – Deutschlands Konzerthallen ausverkauft. Und das auch nur mit einem bekannten Hit im Gepäck! Klar, dass die Massen immer mehr wollten.

In dem guten halben Jahr nach Easy wartete also die Musikfan-Republik mit Spannung auf sein Debütalbum „Raop“. Die Wartezeit wurde aber nicht langweilig, denn Cro tourte fast ununterbrochen und postete fleißig Fotos seiner bundesweiten Party-Crowd auf seiner Facebook-Timeline. Zugleich versuchten die Fans, in seinem Indie-Online-Shop eines seiner limitierten T-Shirts mit dem „Vio Vio“-Schriftzug zu ergattern. Oft ohne Erfolg: Der Schwabe hatte einfach zu viel zu tun, um auch noch Textilien aus der Druckerei abzuholen und zu versenden.

Währenddessen gaben verschiedene Medien den Spielverderber und versuchten, den jungen Rapper hinter seiner Maske zu outen. Inwiefern es ihnen gelungen ist, gilt bis zur offiziellen Demaskierung durch den Hobby-Panda selbst abzuwarten. Trotz seiner Beteuerungen, die Medien hätten bislang immer die falschen Gesichter gezeigt, halte ich es für unwahrscheinlich, dass ein Styler und Web-Narzist wie Cro es geschafft haben sollte, trotz seines inzwischen bekannten Klarnamens alle seine Foto-Spuren aus den Tagen vor dem Easy-Erfolg gelöscht zu haben.

Im Sommer 2012 hat Cro dann sein Debutalbum „Raop“ veröffentlicht. Für meinen Geschmack is es erstaunlich angenehm gelungen. Erstaunlich, weil der Druck auf Cro gigantisch gewesen sein muss: Nach „Easy“ stand seine mediale Figur permanent im Rampenlicht, ohne dass sein Etat bei einem Indie-Label eine längere Studioauszeit fern der Heimat zugelassen haben dürfte. Daher zog Cro aus seiner WG zurück ins elterliche Heim und musste versuchen, diesmal fast ohne teure Samples ebenso erfolgreiche Ohrwürmer zu produzieren. Denn merke: Auf einem Mixtape darfst Du alles cutten, doch wenn Du daraus einen kaufbaren Tonträger machst, geht die Kohle an den Urheber des Samples. Nun ja, nach etwa zehnmaligem Hören von „Raop“ kann ich diagnostizieren, dass Cros Mission „Millionär werden“ wohl gelungen sein darf, auch wenn die Hater im Web gerade fleißig dabei sind, seine Songs und Kredibilität zu dekonstruieren.

Doch zurück zu „Easy“. Ich muss gestehen, dass mich der Virus im letzten Herbst voll erwischt hat und ich Cro seitdem mag. Auch wenn er keinen Song mit intellektueller Meta-Ebene produziert hat, dessen Sprach-Bilder sich – wie bei den von mir sehr geschätzten Rappern Eißfeldt, Casper und Prinz Pi – manchmal erst nach mehrmaligem Hören erschließen. Wer den jungen Schwaben im Interview erlebt hat, weiß, dass man da auch nicht viel Intelligentes erwarten darf. Denn Cro ist – man muss das einfach einmal so klar sagen – einfach etwas dümmlich. Er propagiert eine heile Welt, die so wenig realistisch ist, wie eine Folge „Gossip Girl“. Und es ist nicht zu erwarten, dass sich das mit den nächsten Releases ändern wird: weder der eigene Bildungs-Anspruch noch die Leichtigkeit. Und trotzdem macht der Song immer wieder Spaß.

Cro macht Musik für lange Autobahnfahrten in den Süden. Songs für entspannte Grillabende, an denen man Freunden über 30 damit imponieren kann, dass man ihnen erklärt, wer dieser „Hova“ ist, mit dem sich Cro vergleicht oder ihnen die „Air Yeezy“ präsentiert, in die er schlüpfen möchte. Genau damit hat er mich bekommen, denn ich bin – trotz meines Alters – ebenso ein „Hypebeast“ wie er: Seltene New Yorker-Streetwear mit Popkultur-Appeal oder Pariser Hipster-Marken mit Musikgeschichte finde ich ebenso spannend, wie ultrarare Turnschuh-Kollaborationen von Nike und Vans. Oder um es mit den Schwaben zu sagen: „Ich weiß, dies war nie was zählte, aber irgendwie mag ich das.“ Man darf auch über 25 sein und sich noch für Geheimtipp-Webseiten interessieren – auch wenn man dafür im Büro riskieren muss, sich als Berufsjugendlicher und Turnschuh-Fetischist bezeichnen zu lassen. Doch das halte ich aus. Und auch in absehbarer Zeit hier immer wieder auf den Style-Faktor einiger Künstler zu sprechen kommen.

Nach den Erfolgen von Marteria und Casper haben Rap-Fans darauf gewartet, wie sich der nächste frische Wind im deutschen Rap-Game anfühlen wird. Cro hat eine überzeugende Antwort darauf gegeben. Und ich bin schon gespannt, wie sich das nächste und das übernächste große Ding anfühlen werden. Doch die Zeichen stehen günstig, denn: „Ab jetzt wird alles easy.“

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Mit Cro geht es mir ein wenig wie Dir mit Burial: Ich habe da irgendwas verpasst. Ich glaube, Du warst Anfang 2012 einer der ersten; die mich auf „diesen Typen mit der Panda-Maske“ hingewiesen haben. „Okay“, dachte ich, „Mikko kennt sich bei deutschem HopHop aus, der kennt das Underground-Zeug.“ Ab da begegnete Cro mir aber immer öfter – und zwar immer mit dem Hinweis, der wäre im Internet schon längst ein Riesen-Hit. „Okay“, dachte ich da, „aber doch nicht in dem Internet, das ich kenne?“ Die etwas ernüchternde Antwort aber lautete: Doch, in dem Internet, in dem ich jeden Tag unterwegs bin. Und es ist auch nicht die erste Online-Hype-Welle, die weitgehend unbemerkt an mir vorbeigerauscht ist. Gnarls Barkley verschenken ihr Album „The Odd Couple“? „Before I Got High“ von Afroman hat 2001 eine Download-Lawine ausgelöst? Mit wem tanzt Ban Ki-Mun da? Aber gut, dafür hat man eben Freunde, dass sie einen mit der Nase auf hörenswerte Musik stoßen.

    Und Cro hat seinen Platz hier bei 100 Songs redlich verdient. Nicht, dass er auf meinen mobilen und stationären Endgeräten häufig laufen würde. Aber ich bin ihm dankbar dafür, dass er mich wieder auf Hiphop aus Deutschland neugierig gemacht hat. Das Aggro-Berlin-Getöse um Sido, Bushido, Fler und all die anderen, die aus dem Umfeld kamen oder für meine Ohren so klangen, hat mich doch ganz schön abgetörnt. Deutscher Hiphop, wie ich ihn mochte, schien vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen, nicht mehr zu existieren. Jan Delay ging mehr in Richtung Top-40-Musiker, Fünf Sternde Deluxe tauchten ab, Fettes Brot machten mit „Emanuela“ ja nicht mehr das, was ich zwingend noch als Hiphop bezeichnet hätte. Die Fantastischen Vier verloren sich in Demut. Eins Zwo lösten sich 2001 auf. Und so habe ich mich desillusioniert von dem Genre abgewendet. Mit Ausnahme von Deichkind – aber Hiphop ist das, was die da machen, ja nun auch nicht mehr.

    Umso erfreuter war ich, dass Cro einen ganz anderen Ansatz fuhr, als die Platzhirsche der Jahre 2001 bis 2011. „Easy“ oder auch „Du“ sind unprätentiös aber gewieft, verschroben aber eingängig, lässig aber nicht unernst. Ich weiß nicht, ob man dies als Stunde Null für den Hiphop aus Deutschland bezeichnen kann – so wie „Die da“ 1992. Aber zumindest für mich fängt damit eine neue Zeitrechnung an. Cro ist für mich ein Beleg dafür, dass es sich lohnt, mal wieder die Augen offen zu halten. Eine Ermutigung dafür, mal wieder ein paar Steine umzudrehen. Und siehe da: Da gibt es inzwischen dann doch wieder ein paar Geschichten, die mir gefallen. Die „Lila Wolken“-EP zum Beispiel. Davon hätte ich gern mehr. Und ich halte gern die Augen offen, damit da nicht wieder was unbemerkt an mir vorbeirauscht.
    Um diesen Punkt abschließend noch einmal aufzugreifen: Als Cro am 6. Oktober 2012 bei „Wetten, dass…?“ auf die Bühne kam, sagte jemand neben mir auf dem Sofa: „Ach neeee, nicht der schon wieder. Der läuft doch ständig überall.“ Und diese Person war zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt.

    Oh, und bevor ich’s vergesse: Schönes Foto!

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