3/100: Archangel

Burial (2007)

Damit nicht der Eindruck entsteht, als sei dieser Blog eine Ü30-Veranstaltung, poste ich bei „100 Songs“ jetzt mal schnell Musik aus diesem Jahrtausend. Über Burial an sich muss ich glaube ich nicht viel schreiben. Das haben schon andere ausführlich getan. Zudem verbreiten sich in Zeiten wie diesen die Infos über neue Künstler zum Glück ja recht schnell. Auch wenn Burial anfangs noch anonym bleiben wollte: Inzwischen weiß man wie der Herr im wahren Leben heißt – William Emmanuel Bevan. Wo er wohnt – London. Und auch wie er aussieht. Ergo kann ich mich an dieser Stelle ganz meiner persönlichen Rezeption der Musik zuwenden.

Ein eigenes Universum – ohne Hit
Ein Freund hatte mir 2006 das erste Burial-Album vorgespielt. Da ich nicht wusste, was mich erwartete, brauchte ich einen Moment, um mich in der Klangwelt zurechtzufinden. Und auch wenn ich nach 50 Minuten an den meisten der 13 Stücke nicht wirklich hängen geblieben war, war ich trotzdem angetan. Fand ich doch in „Burial“ neben vielen vertrauten Ansätzen auch zahlreiche für mich neue Aspekte: die Sparsamkeit, die Programmierung der Beats, der effiziente Einsatz von Gesangssamples… Ich wusste zu schätzen, dass hier jemand sein eigenes kleines Universum geschaffen hatte – wenn auch ohne einen für Zuhause geeigneten Hit.

Nach weiterer Beschäftigung mit der LP wurde lustigerweise „Night Bus“ mein Lieblingsstück. Lustigerweise, da es ausgerechnet das Stück auf der Platte ist, das ganz ohne die charakteristischen Beats daherkommt. Es hat mich aber erreicht, weil ich es so wunderbar mit meinen eigenen Fahrten im N207 assoziieren konnte: das Piepen in den Ohren vom Soundsystem im Marquee, die aufgedrehten Menschen um mich herum, die zunehmende Dunkelheit ab Holland Park Avenue, der Kampf gegen die Müdigkeit und die Sorge, in Uxbridge aufzuwachen – „Night Bus“ wäre für dieses Setting der ideal kontrapunktische Soundtrack gewesen. So speicherte ich Burial also zunächst als vielversprechend ab – allein der Pop-Appeal fehlte mir.


Nur ein Jahr später folgte bereits das zweite Album, „Untrue“. Und siehe da: Gleich der Opener, „Archangel“, brachte zusätzlich zu dem, was ich bereits gut hieß, auch noch genau das mit, was mir zu meinem persönlichen Glück fehlte: eine Melodie, die mich berührte. Sparsam, aber wirkungsvoll. Und somit ein Fall für „100 Songs“.

Wer zuerst kommt…
Dieses von mir sehr geschätzte Konzept hat Burial seitdem weiter perfektioniert. Sein Remix von Bloc Partys „Where Is Home?“ oder auch „Street Halo“ von 2011 standen kurzzeitig auch zur Auswahl für diesen Blog-Post – weil „Archangel“ aber die Initialzündung gab, habe ich ihm den Vorzug gegeben. Hättest Du auch so entschieden?

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. *So, wir sind hiermit an einem der Momente angelangt, an dem sich die Frage stellt, inwieweit dieser Rezensent überhaupt irgendetwas über moderne U-Musik schreiben darf, ohne seine Kredibilität komplett zu zerstören. Dies einfach mal so als Reaktion auf Deinen Satz: „Über Burial an sich muss ich glaube ich nicht viel schreiben.“

    Burial? Nie gehört. Dubstep? Äh, ja, da war doch was. Aber ehrlich gesagt, könnte ich nur schwerlich einen ‘96er Jungle-Track von einem 2Step-Banger der Jahrtausendwende oder einem Grime-Klassiker der Nuller Jahre unterscheiden. Doch genau dafür machen wir das ja hier: Offen und ehrlich kann ich gestehen, dass ich britische Dance-Musik seit Acid House und KLF sehr schätze, aber nie die Kraft hatte, sie anständig zu verfolgen.

    Von diesen Londoner Clubnächten, wie Du sie beschreibst, habe ich viel Gutes gelesen. Aber immer wenn es mich auf die Insel verschlagen hat, war ich nach einem arbeitsamen oder ausgiebigen Shopping-Tag so kaputt, dass ich es nie in das Nachtleben geschafft habe. Und den Reiz, für 50 Euro in einem Lokal exklusiv tanzen zu gehen, habe ich eh nie verstanden. Dann lieber das Geld in ein rares T-Shirt bei Duffer of St. George (als sie noch cool waren), Stüssy (als es das noch nicht bei P&C zu kaufen gab), Gingham (ebenso) oder meinetwegen Margiela investieren. Jetzt mal so als Pop-Blasphemie geschrieben: So ein ausgewähltes Stückchen Stoff erzählt für mich eine ähnlich wertvolle Geschichte, wie ein guter Track!

    Doch zurück zur Musik. Klar habe auch ich das legendäre GoldieAlbum im Regal stehen, ebenso wie alle wichtigen Alben von Mike Skinner. Ja, und ich weiß auch, wer James Blake
    ist und was ihn so besonders macht. Mein Problem mit vielen dieser Tracks: Ihr
    Coolness-Faktor erschließt sich im Club viel besser auf dem heimischen
    Sofa-Soundsystem. Doch da läuft bei mir die meiste Musik – ist eben doch ein
    Ü30-Blog hier…

    Aber genau das ist mein Knackpunkt: Wenn ich Musik höre, will ich eine vokale Message vernehmen, egal wie sinnfrei sie sein mag. Doch für meinen perfekten Hörgenuss benötige ich in jedem Fall Vocal-Spuren, an denen sich das restliche Klangbild orientiert. Die Stimme ist für mich das wichtigste Instrument, die einem Song seine Richtung vorgeben sollte. Reine Off-Hall-Samples finde ich langweilig, Instrumental-Tracks langweilen mich zumeist nach wenigen Minuten. Ich kenne überhaupt maximal fünf Pop-Instrumental-Songs, die ich jederzeit zu mir nach Hause auf die Anlage einladen würde.

    Puh, jetzt habe ich mich ja in eine merkwürdige Instrumental-Hasser-Ecke manövriert, dabei wird auf „Archangel“ ja sogar gesungen… Na ja, was ich eigentlich sagen will: In diesem Leben wird das mit mir und der elektronischen Clubmusik jüngerer Bauart immer seltener eine Amour fou.

    Doch was Dubstep betrifft, bin ich ja auch nicht TOTAL weltfremd. Selbst wenn die nächste Referenz das zunächst vermuten lässt: Denn ich habe gerade die Musik des Sohnes von André Heller für mich entdeckt. Der Typ nennt sich Left Boy und verprasst in seinem New Yorker Loft die Kohle seines Vaters. Während er im Kampf gegen die Langeweile komplett respektlos hervorragende Samples aller Art klaut, sie mit hochmodernen Bratz-Beats aus seinem Rechner vermischt und darüber rappt. Genau so darf es dann klingen, um bei mir häufiger Gehör zu finden.

    Wenn ich mich nun in die Welt von Burial reinversetze, dann ist das unwahrscheinlich komplexe und damit interessante Musik. Doch der Wiedererkennungseffekt ist für mich als Dubstep-Laien gleich Null. Was aber auch mal schön sein kann.

    Denn die Basslastigkeit und die schräge, nahezu disharmonische Attitüde vieler Momente in diesem Song sind mir rundum sympathisch. Ich kann diese Musik auf mich zukommen lassen, ihre Gegenwart schätzen und mich einen Moment lang in ihr fallen lassen. Doch ich muss sie nicht besitzen, um sie jederzeit wieder einfangen zu können. Ich muss kein Archiv aufbauen, wie ich es so oft mit anderen Künstlern und Genres getan habe, um ihre Entstehung, ihren Kontext und ihre Veränderung über die Zeit richtig einordnen zu können. Alles in dem Glauben, nur so einen Künstler richtig wertschätzen zu können. Mit dem Effekt, dass zu viele davon auf lange Sicht mir doch nur Platz im Schrank oder auf der Festplatte geraubt haben. Nein, Burials „Archangel“ ist toll: Eine unverbindliche Klangwelt, die mir ein gleichgesinnter Musik-Nerd empfohlen, und deren Bekanntschaft mich sehr gefreut hat. Es ist übrigens gut möglich, dass es
    der Track inzwischen auch auf meine Festplatte geschafft hat.

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