2/100: Stop Me If You Think That You’ve Heard This One Before

The Smiths (1987)

SmithsMeine Liebe zu den Smiths verdanke ich Beck’s Bier, beziehungsweise deren Pressepolitik. Und ich bin ihnen sehr dankbar, dass mir die Schönheit von Morrisseys Gesang nicht einen Tag länger entgangen ist. Als „Strangeways Here We Come“ gerade veröffentlicht wurde, war ich noch mit A-ha und den Ärzten beschäftigt. The Smiths – das war Erwachsenenmusik. Jedenfalls sagten mir das ihre Plattencover bei WOM. Später wechselte ich nahtlos von Aerosmith zu Bob Marley, bevor Rap eine ganze Weile meine absolut ungeteilte musikalische Aufmerksamkeit erhielt. Erst deutlich später waren meine Ohren offen für Neues – und Altes. Doch bis zu The Smiths sollte es noch ein paar Jahre dauern. Wie viele genau, verrate ich später.

Jeder Smiths-Fan hat mindestens zwei, drei erklärte Lieblingssongs, über die man mit ihm nicht diskutieren muss. Ich mag „How Soon Is Now“ ganz gerne, aber noch viel mehr „Stop Me…“. Ich hab oft den Eindruck, dass der Song in Fankreisen nicht so enthusiastisch diskutiert wird wie andere Smiths-Singles. Vielleicht, weil er aus der Spätphase der Band stammt, als die musikalischen Differenzen zwischen Morrissey und Johnny Marr schon so groß geworden waren, dass auch guter Wille und großzügige Labelvorschüsse nicht mehr helfen wollten. Vielleicht auch, weil das großartige Video von Morrisseys Egotrip-Radtour zusammen mit seinem Look-alike-Fanclub durch das Arbeiterstädtchen Salford zumindest in Großbritannien eine Zeit lang nicht zu sehen war. Und interessanterweise beschäftigt sich der Wikipedia-Eintrag zum Song viel mehr mit Mark Ronsons 2007er Coverversion als mit dem Original.


Stop Me If You Think von The Smiths

Nun ja, die Fakten kann dort jeder selbst nachlesen. Hier geht es um die Geschichte, wie die Smiths und ich zusammengefunden haben. Bis heute sind wir gute Freunde geblieben – nicht nur bei schlechtem Wetter und Kummer. Und schon sind wir bei Beck‘s – im Frühjahr 2006.

Aus irgendeinem Grund war es für meine Auftraggeber wichtig, dass wir in Bremen bei den Bier-Brauern drehen sollten. Also wurde ich beauftragt, um Beck’s herum eine Reportage über den Einfluss von Popmusik in der Werbung zu stricken. Schon klar: Hans Hartz – Segelschiff – internationales Produkt. Also telefonierte ich wie üblich ein paar Mal mit dem Pressesprecher und erfuhr, dass seine Firma ihre Produkte im Inland ja ganz anders positioniert als im Ausland. Wie er das meinte, weiß ich bis heute leider nicht. Denn als ich endlich meinen Zug nach Bremen buchen wollte, flatterte plötzlich eine völlig wirre Drehabsage in die Redaktion. Was genau der Grund für den Rückzieher war, weiß ich auch bis heute nicht so richtig (ich arbeitete ja schließlich nicht für Spiegel TV). Jedenfalls hatte ich plötzlich Zeit und war recht dankbar, als ich gefragt wurde, ein Ersatzthema zu realisieren: Musik-Kongress in Manchester. Genauer gesagt: ein Smiths-Symposium. Aha, also ein Portrait über diese Band mit dem „Full Metal Jacket“-ähnlichen Plattencover. Mehr wusste ich damals nicht – I swear!

Das sollte sich drei Tage später ändern, als ich in Manchester landete. Natürlich hatte ich noch die „Complete Picture“-DVD mit allen Videos gekauft und mich schnell durch die Hits gearbeitet. Und als mich der Flughafen-Bus dann in den Vorort von Manchester zu meinem Hotel fuhr, bekam ich plötzlich Gänsehaut: Die hässlichen Backstein-Siedlungen aus dem „Stop Me…“-Video wurden real.

Am nächsten Morgen holte mich Damian, der Kameramann vom Hotel ab und begann im Van stolz von der Musikhistorie seiner Heimat zu schwärmen. Morrissey gehörte zwar nicht zu seinen Lieblingen (er war mehr so der ehemalige „Hacienda“-Gänger), aber natürlich waren die Smiths lokales Kulturgut. Zu den Smiths und Manchester gab es viel zu erzählen: über das neue Gay Quarter, den ideologisch eingemeindeten Salford Lads Club, Manchesters Partyszene – irgendwie setzte sich Stück für Stück ein Pop-Puzzle zusammen. Und lauter merkwürdige Dinge passten plötzlich zusammen.

Beim Symposium in der Manchester Universität sah ich mich dann plötzlich von Smiths-Nerds umgeben. Da war der nette Sean Campbell, der den Kongress organisiert hatte und gerne Aufsätze über Popmusik im irisch-britischen Kontext schreibt. Da war Kieran Cashell – Typ: nette alte Dame aus Limerick – die immer wütender argumentierte, dass Johnny Marrs Schaffen deutlich bleibender sei, als das Spätwerk (sie meinte: alle Solo-Sachen) von Morrissey. Da war der finnische Rockabilly-Intellektuelle aus Turku, der ebenso leidenschaftlich Text-Passagen auseinander nahm, wie die indisch-stämmige Abgeordnete des House of Parliament, die sich für das Symposium extra frei genommen hatte. Und da war Stephen Wright mit seiner Gehbehinderung und dem speckigen Polohemd, dem man – auf der Straße getroffen – niemals geglaubt hätte, dass ER Morrissey und Konsorten 1985 an einem dunklen Wintertag ikonisch fotografiert hatte – eben vor dem Salford Lads Club.

Am Abend trafen wir uns dann alle in einem der unzähligen Clubs von Manchester, wo die Tribute-Band The Smyths aus London dem Kongress ein würdiges Ende geben sollte. Sänger Graham, der natürlich politically correct queer war und mich während des Interviews immer wieder so intensiv fixierte, dass meine Freundin kurz vorm intervenieren war, wirbelte später so lustvoll auf der Bühne mit seinen Gladiolen, dass das Publikum kurz vergaß, welches Jahr wir hatten – nämlich 2006 und nicht 1987. Und irgendwann vermischten sich dann Grahams Gesang, die fröhlich zappelnden Akademiker, mein im Magen brodelndes Curry, die 23 neugekauften Vinyl-Singles von HMV in meinem Rucksack, die auf allen Vieren auf die Straße kotzenden Frühlingskleid-Mädchen, Damians Ian Brown-Superstars und diese wunderschönen Zeilen zu einer unvergesslichen Melange: „Oh who said I lied because I never? I never!“

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Mit den Smiths kann ich nicht viel anfangen. Ich muss so 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein, als die Meinungsmacher in meiner Peergroup begannen, mir die Smiths zu empfehlen – mit auffällig hohem Eifer. Offensichtlich besaß die Band die Fähigkeit, Menschen meines
    sozialen Umfelds übermäßig zu begeistern. Als ich mich daraufhin mit deren Songs beschäftigte, war mir allerdings nicht klar, wieso. Songtitel wie „Shoplifters Of The World Unite“ oder „Sheila Take A Bow“ sprachen mich nicht an, auf Zeilen wie „Girlfriend in a coma, I know, I know it’s serious“ sprang ich ich kein bisschen an. Klar, es war lustig, in einer Großraumdisco „Panic“ zu zitieren, wenn gerade Toto lief. Aber darüber hinaus waren mir die Smiths wurscht.

    Vielleicht war es Opportunismus, vielleicht war es der Wunsch dazuzugehören (wahrscheinlich beides) – ich kaufte mir dann doch die „The Queen Is Dead“-LP. Und stieß dort auf „meinen“ Smiths-Song. Den, der mich im passenden Moment erreichte. Den, dessen Sprache ich verstand.
    Den, über den man mit mir nicht diskutieren muss 🙂 . Den, der alles mitbringt, was für mich einen großen Popsong ausmacht. Den ich auch für „100 Songs“ auf der Liste hatte. Und jetzt streichen kann.

    Es ist, natürlich: „There Is A Light That Never Goes Out“. Anlässlich
    meiner Begeisterung für den Song habe ich mich dann noch einmal mit dem Werk der Smiths auseinandergesetzt. Und kaufe auch weiterhin artig auf Flohmärkten deren Vinyl. Aber so etwas wie mit „There Is A Light That Never Goes Out“ ist mir mit den Smiths nicht mehr widerfahren.

    Na gut, das ist jetzt etwas zugespitzt. „How Soon Is Now“ kriegt mich ein bisschen.
    Insbesondere wegen der Gitarrenwand. Aber sonst? Nada. Dennoch ist mir die Trennung der Smiths nicht ganz egal gewesen – zumindest rückblickend. Denn Johnny Marr hatte danach Zeit, mit Bernard Sumner von New Order zwei klasse Alben zu machen : „Electronic“ und „Raise The Pressure“
    höre ich heute noch gern. Und auch wenn Marr etwas für die Pet Shop Boys gemacht hat – sei es als Remixer oder Gitarrist –, kam fast immer etwas Gutes dabei rum. Von Morrissey hingegen bekam ich in erster Linie Diskussionen über seine vermeintlichen politischen Ansichten mit. Und auch mit dem, was ich da so höre, kann ich nicht viel anfangen.

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