1/100: Paid In Full

(Seven Minutes Of Madness – The Coldcut Remix)

Eric B. & Rakim (1987)

Es gibt viele Gründe, meine Liste von 50 Songs mit dem Coldcut-Remix von „Paid in Full“ zu beginnen. Die Themen Remix, Hiphop und auch Sampling werden sicher noch häufig bei den von mir ausgewählten Songs vorkommen. Und dann ist da noch dieses Intro: „This is a journey into sound“. Was Treffenderes, um in einen Musikblog zu starten, gibt es nicht.

Mich haben damals mehrere Faktoren an dem Song umgehauen. Da war zunächst einmal die Vielfalt an Versatzstücken, die darin auftauchten. Der Einbau von Zitaten in dieser Vehemenz war mir bis dahin noch nicht untergekommen und hat mich sehr geprägt. Coldcut – dich ich bis dahin gar nicht kannte – verfolgten mit ihrem Remix einen ganz anderen Ansatz, als die Typen, die ich bis dahin für tolle Remixer hielt. Ben Liebrand, Shep Pettibone, Arthur Baker oder Steve Thompson hatten zu dem Zeitpunkt zwar auch schon damit begonnen, Stücke umzukrempeln und Spuren hinzufügen („You Sexy Thing“ von Hot Chocolate, „What Have I Done To Deserve This“ von Pet Shop Boys, „The Sun Always Shines on TV“ von a-ha oder „Living in a Box“ von Living in a Box). Sie hatten sich dabei aber nie so offensichtlich bei anderen bedient wie Coldcut. Dieser Umgang mit Zitaten, mit Versatzstücken mir bekannter und auch unbekannter Titel war mir völlig neu. Durfte man das? Wie macht man das?

Fragwürdige Produktionen cool finden
Ich war begeistert. Und fand es sogar noch cool, als Stock, Aitken & Watermann diese Herangehensweise für ihre – zumindest in Teilen – fragwürdigen Produktionen einsetzten. Der „Hip Hop Mix“ (!) von Climie Fishers „Rise to the Occasion“ oder auch der „Sheer-Chic Remix“ von ABCs „The Night You Murdered Love“ gingen für mich wegen der Sample-Verweise völlig klar. Wenn man einen Großteil seiner Platten und Musikmagazine im örtlichen famila-Markt erwerben muss, fehlen einem bei der Ausprägung von Stilbewusstsein und Geschmack nun mal ein paar nötige Referenzpunkte und Informationen.


Eric B & Rakim – Paid In Full Coldcut von rikma

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einen Exkurs einschieben: Ich lebte damals auf dem Land und die einzige Quelle für Informationen jenseits von Guillermo Marchena, Koreana und Bobby McFerrin waren die Inhaber des DJ Record Shops in Osnabrück. Aber leider wusste man da nie, was man glauben sollte. Ein Beispiel: Als ich mir dort 1989 die US-Maxi von New Orders „Fine Time“ kaufte (mit den Steve „Silk“ Hurley-Remixen) wurde mir am Tresen weisgemacht, alle früheren Bandmitglieder seien inzwischen ausgetauscht worden. Als Beleg dafür musste der neue Band-Schriftzug auf der 12“ herhalten.

Das Musikinstrument schlechthin
Aber zurück zum Thema: Dass viele der Versatzstücke bei „Paid in Full“ mit einem Gerät namens Sampler gemacht wurden, war mir somit beim ersten Hören natürlich auch nicht klar. Ich hatte damals schon von Typen wie Grandmixer D. ST. („Rockit“ von Herbie Hancock) oder Steinski (mit Double Dee bei „Lesson 3“) gehört und war mir somit sicher, dass auch bei Coldcut Platten „gescratcht“ (sagt man das heute noch?) wurden. Ich glaube, dass ich sogar noch bei De La Souls „Say No Go“ gerätselt habe, wie sie die Samples so passgenau per Plattenspieler in die Songstruktur eingebaut haben wollen. Erst mit MARRS, Bomb The Bass und Public Enemy und ein paar zusammengeklaubten Informationen aus Musikinstrumentenabteilungen in Technik-Kaufhäusern wurde mir klar, wie da neuerdings gearbeitet wurde.

Seitdem waren Sampler für mich das Musikgerät schlechthin. 1998 habe ich mir mit Geld, das mir mein Opa zum Examen geschenkt hat, meinen eigenen gekauft: einen Yamaha A3000, 2.600 Mark bei Musik Produktiv in Ibbenbüren. Zu dem Zeitpunkt aber war zwar sogar bei mir angekommen, dass man wegen dieses Urheberrechts längst nicht mehr alles machen konnte, was auch technisch geht, und dass sich Anwaltskanzleien auf die Vertretung von Künstlern, die ihrer Ansicht nach unrechtmäßig gesamplet wurden, spezialisiert hatten. Hat trotzdem Spaß gemacht, an dem Gerät zu schrauben. Im Sommer 2011 habe ich ihn dann für 130 Euro verkauft. Nicht zuletzt, da er nach dem letzten Umzug rund drei Jahre ungenutzt hatte rumstehen müssen.

Und dann war da noch dieser Beat
Für mich hat „Paid In Full (Seven Minutes Of Madness – The Coldcut Remix)” übrigens noch etwas Bemerkenswertes: diesen Beat, den ich seitdem in gefühlt hundert weiteren Songs gehört habe. Ob Milli Vanilli, EMF, PM Dawn, Duran Duran (!), Moby oder zuletzt Aura Dione… Wer das Original mal komplett hören möchte: Der Titel heißt „Ashley’s Roachclip“ und stammt von den Soulsearchers.

Empfehlungen erwünscht
Soviel also zu diesem Song. Ich wüsste rückblickend gern noch, wo Coldcut sich ihre Inspiration für ihren Remix geholt haben. Welche waren die relevanten Impulse, auf die sie sich gestützt haben? Über Hör- und Kaufempfehlungen in diese Richtung – vermutlich aus der Zeit vor 1987 – würde ich mich freuen.

Eric B. & Rakim
Paid In Full (Seven Minutes Of Madness – The Coldcut Remix)
1987

Die Platte bei discogs

11 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Oh Michael, mit dem „Paid in Full“-Remix hast Du mich voll erwischt. Warum verwechsele ich den Song emotional bis heute immer wieder mit M.A.R.R.S. „Pump Up the Volume“? Richtig, M.A.R.R.S. haben den Coldcut-Remix selber gesampelt. Quasi ein Re-Sampling, wenn man so will.

    Meine stärkste Erinnerung an diese Zeit: Ich durfte meinen Cousin Kai in seinem Zimmer besuchen. Er war ungefähr 17 Jahre alt, sah ein wenig aus wie Martin Gore und spielte mir an einem Samstag stolz Ofra Haza vor. Ich saß autoritätshörig in einer Ecke seines Zimmers, starrte seine Plattenstapel an und wünschte mir, dass ich eines Tages auch mal so lässig jedem Song einer bestimmten Laune zuordnen könnte. Was ich damals nicht verstand: Er hatte das Original gediggt, noch bevor „Im nin alu“ in die Charts kam. Was ich verstand: Er hatte alles recht, stolz auf sich zu sein.

    Natürlich weiß ich heute als HipHop-Fan, dass dieser Remix nicht nur Coldcut bekannt, sondern auch Eric B. & Rakim vor allem im damals Rap-skeptischen Europa berühmt gemacht hat. Doch wenn ich mich zurück erinnere, ist es einfach einer von vielen coolen Songs meiner Jugend. Und er erinnert mich an ein Buch aus den Nuller Jahren.

    Der Schriftsteller Joachim Lottmann schreibt 2003 in seinem Generations-Analyse-Roman „Die Jugend von heute“, dass alle Jungen heute in ihren Rechnern die letzten 15 Jahre Musikgeschichte auf ihren Festplatten gespeichert haben: „Was davor war, interessierte nicht mehr. Die Musikgeschichte begann Ende der 80er Jahre mit House, Hiphop, Acid, Trance, Techno, Jungle und Jazza Nova. Die letzte Gruppe der verhassten Musik der Eltern war Guns’n’Roses gewesen.“

    Eine vermutlich zutreffende These, so sie denn eine sein will (ist ja schließlich immer noch ein Roman!). Und ein geradezu prophetischer Satz, wenn man ihn auf den heutigen Umgang mit dem Musikstreaming bezieht (im Übrigen sind auch gestandene Pop-Nerds nicht vor dem Charme von 16 Millionen Spotify-Songs auf dem iPhone gefeit…). Doch qualitativ kann dieses Statement natürlich nur auf ein paar Mitte-Hauptstadt-Hipster zutreffen, denn selbstverständlich haben Gitarrenbands heute genauso Konjunktur, wie vor zehn oder fünfundzwanzig Jahren. Selbstverständlich wird es immer Li-La-Lenas geben, die von den Caspers dieser Welt gar nicht über Joy Division aufgeklärt werden wollen. Doch die gab es auch schon 1987.

    Für mich ein weichenstellendes Jahr: Mit dem Wechsel in die siebte Klasse kam ich auf eine neue Schule. Dort lernte ich neue Gesichter, neue Lehrer, neue Mode,  neue Macken und neue Musik kennen. Meine Schule bildete etwa ein Viertel eines hufeisenförmigen Gebäudes, in dem das Radio im Amerikanischen Sektor – kurz RIAS – untergebracht war. Sonntagnachmittags liefen dort immer die Charts – ich war mit meinen Kassettenrekorder natürlich startbereit und hoffte, der Moderator würde bei a-ha nicht wieder die Musik-Rampe voll ausnutzen (natürlich wusste ich damals überhaupt nicht, was eine Musik-Rampe ist – ich schrie immer nur: „Alter, hör bitte auf, weiter in den Song zu quatschen!“). Die rias2-Hits korrespondierten allerdings nur selten mit den Schwerpunkten, die jeden Mittwoch von der BRAVO gesetzt wurden.

    Daher rannte ich wochentags nach der Schule immer schnell nach Hause, um möglichst viel von den rias2-Wunschhits mitzubekommen. Die waren schon besser. Der Höhepunkt kam dann 1987 in den letzten Sommerferien meiner Grundschulzeit, als ich mir dank rias2 ein anständiges Pop-Grundwissen erarbeiten konnte. Anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins startete der Sender die längste Hitparade aller Zeiten – mit den 750 meistgewünschten Hits der Hörer. Natürlich wurden die Top 10 durch aktuelle Hits von Whitney Houston und Madonna dominiert. Doch beim Guinness-Buch-Rekord lernte ich nicht nur Chris de Burghs Oeuvre sondern dank einem netten Hörer auch  interessante Klassiker, wie die 17-Minuten- Version von Iron Butterflys „In-a-gadda-da-vida“ kennen. Es waren also Sommerferien, ich hing zweieinhalb Tage bald im Delirium am Kassettendeck und überspielte in meiner Not immer mehr John Sinclair- und TKKG-Kassetten, um auch alles drauf zu bekommen. Außerdem bettelte ich meine Eltern an, nicht raus zu unserem Boot zu fahren, weil wir dort zwar ein Kassettendeck, aber leider nur eines ohne Aufnahmefunktion hatten. In dieser Zeit prägte sich bei mir ein musikalisches Stilempfinden, wo David Bowie neben Jan Hammer und die Housemartins lässig neben Depeche  Mode bestehen durften.

    Elektronische oder gesampelte Musik empfand ich – vom Hörvergnügen – zu der Zeit gar nicht grundlegend anders, als Prog-Rock oder die Beatles. Eine intensive Melodie sowie ein paar Textzeilen zum verstehen-mitsummen-richtig nachlesen-richtig mitsingen reichten eigentlich aus, um mich glücklich zu machen. Und eigentlich ist das bis heute so ähnlich geblieben. Daher ist „Paid in Full“ nicht nur die perfekte Pastiche dieser Zeit, sondern auch das Fazit meines 1987.

     

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